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Schlicht ein Meisterwerk: Robert Hilburns Johnny Cash Biographie beim Berlin Verlag


Johnny Cash Manche biographischen Werke sind Verklärungen und manche sind entzaubernd, was beides immer ernüchternd ist. Auch eine gute, erschöpfende Recherche macht noch keine fesselnde Biographie. Es braucht noch eine Prise Magie, eine gute Dynamik, selbst wenn man eigentlich versucht, den Menschen in all seinen wirklichen Facetten, mit allen Tatsachen, abzubilden, nachzuzeichnen.

Robert Hilburn ist das Kunststück geglückt, eine erschöpfende und menschliche Studie des Menschen und Künstlers Johnny Cash vorzulegen, ohne den Mythos, der mit dieser Figur verbunden ist, zu demontieren. Es wird zwar über vieles aufgeklärt, aber Bewunderung und Momente der Schönheit werden nicht unterbunden. Entstanden ist so nicht nur eine redliche, sondern eine beeindruckende Arbeit, ein schlichtes Meisterwerk. Und eine Lektüre, die einem teilweise unter die Haut geht.

Auf besondere Weise unter die Haut geht, wohlgemerkt. Denn das wirklich Großartige an diesem Buch ist, dass sich in Hilburns Darstellung von Cashs (Innen-)Leben eine so tiefe Dimension auftut, die geradezu sinnbildlich für das Hadern, Scheitern und die Zerrissenheit jeder menschlichen Existenz stehen könnte.

Ohne auf Tränendrüsen zu drücken oder hochtrabende Apelle zu starten, führt uns Hilburn detailliert die Szenen, Erlebnisse und Geschichten dieses ganzen Lebens vor Augen – und stetig, über die Lektüre der 800 Seiten, setzt sich aus der Fülle dieser Details, der Kommentare und Ausführungen, eine Vorstellung zusammen, ein Kosmos, der den Kern eben jenes widrigen Umstandes umreißt, den man schlicht Dasein nennt.

Cash-Biographien gibt es einige, er selbst hat sogar zwei geschrieben. Diese hier ist trotzdem eine der besten, vielleicht die beste: Eine berührende, reiche, in alle Richtungen laufende und doch sehr gut komponierte Lektüre. Times a wastin. Aber nicht mit diesen 800 Seiten!

Kurze Gedanken & Ansichten zum “Schloss” von Franz Kafka, zu dem bis heute der Schlüssel fehlt


Man muss Franz Kafka wohl spätestens nach der Lektüre von “Das Schloß” zum größten Realisten seiner und unserer Zeit ernennen und ihm gleichzeitig, im selben Atemzug, jede Realitätsnähe absprechen.

Der Landvermesser K. kommt zu einem Dorf, das zu Füßen eines Schlosses liegt, angeblich ist er dorthin berufen worden. Doch schon kurz nach der Ankunft beginnt K. in einem bürokratischen Netz aus grotesken Vorschriften und völlig unklaren Verhältnissen zu versinken. Bestrebt, mit aller Entschlossenheit seine Existenz zu rechtfertigen, versucht K. im Dorf Verbündete zu finden, stößt aber auch hier nur auf ein wirres Unterworfensein in die Macht des Schlosses, voller ungenauer Handlungen und widersprüchlicher Meinungen. Sein Ziel, der Einlass oder zumindest die Verbindung zum Schloss rückt für ihn in immer weitere Ferne, er ist Achilles, der die Schildkröte tatsächlich nie einholen wird.

Kafka scheint, auf den ersten Blick in seinen Büchern groteske, düstere und doch phantastisch anmutende Welten zu erschaffen, die in ihrer Widersprüchlichkeit und ihren Ausmaßen kaum einen Bezug zur Realität erkennen lassen. Alpträume nannte Borges diese Art der Darstellung und den Schreibstil, die Sprache, die sich durch nichts, außer durch sich selbst beherrschen lässt und sich durch nichts, außer durch sich selbst auszeichnet.
Rüdiger Safranski (und andere) hat dagegen in seinem Buch Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? einige Strukturen und Ideen dargestellt, die Kafka, unter der Oberfläche der Handlung, meisterhaft in seinen Büchern platziert und verwendet hat.
Jedoch, Kafka war und ist, weitab dieser beiden Ideen von der Wirkung und Aufnahme seiner Prosa, ein feinsinniger und tiefblickender Künstler, der die Welt ausgeleuchtet hat und vielleicht nur an der Vermittlung seiner Ideen so allgemeingültig und allegorisch gestaltet hat, dass sie heute sehr vielseitig auslegbar sind.

Nehme man das Schloss zum Beispiel als Symbol für die Wahrheit, zeigt sich wie wahr Kafkas Ansatz ist. Wer hat sich nicht schon mal nach der Wahrheit gesehnt, hat versucht sie zu erreichen und ist doch an der gesammelten Fülle der Informationen und Verstrickungen gescheitert, an dem Für und Wider und hat bemerkt, dass die Wahrheit sich letztlich, auch mit aller Hilfe und mit Wendung an alle bekannten Stellen, nur teilweise festsetzen lässt (wohlgemerkt, ich spreche hier von letzten Wahrheiten, nicht von einfachen, schlichten Tatsachen, obwohl auch die im medialen Zeitalter zunehmend in diese Problematik hineinrutschen).

Auch eine ähnliche, existenzialistische Deutung ist möglich. Hier zeigt sich K., als kluger, sogar sehr intelligenter Redner und Mensch mit guten Ambitionen. Doch das Leben tut sich sinnlos vor ihm auf, überall wo er sich bemüht rechtschaffen, bescheiden und ehrlich zu sein, sich breitschlägt zu argumentieren, wird er abgeblockt und als lächerlich hingestellt, immer wenn er versucht es allen recht zu machen, wird er hier im Stich gelassen und dort schuldlos beschuldigt.

Kafka hat einen ausdruckstarken Ton der deutschen Sprache geprägt und es geschafft in seinen Berichten, durchaus abstrakter und sperrige, aber symbolisch gesehen, realistische und intelligente Systeme der Darstellung zu entwerfen, die, wenn man sie richtig entschlüsselt, ein treffendes Bild des Menschen in einer modernen, völlig unübersichtlichen, bürokratischen Welt zeigen. Und im Prinzip gilt für Kafka: seine Welten sind immer noch unerschlossen: jeder Leser kann darin eintauchen wie in eine Fantasywelt und seine eigenen Ideen zu den Vorkommnissen entwickeln, mit einem Blick auf das eigentlich gänzlich unverstellte in Kafkas Prosa, wo zwar viel verschlüsselt, aber überhaupt nichts verschwiegen wird. Also, frei nach Robert Frost, entdecken Sie lieber Leser, eigene Wege zu Kafka: “Two roads diverged in a wood, and I/ I took the one less traveled by/ And that has made all the difference.”

Über Glaubwürdigkeit als Aspekt von Dichtung und Kunst


Alles, was geschrieben wird, ist immer unglaubwürdig und glaubwürdig zugleich. Unglaubwürdig, weil es ein Produkt der Phantasie ist, also stets eine Erfindung, auch wenn diese Erfindung gänzlich aus Fakten besteht, die in Wörtern zusammengesammelt wurden, da nichts, was die Transformation in ein Schriftbild durchlaufen hat, etwas anderes ist, als eine wörtliche Auslegung von Realität und glaubwürdig, weil es ein Produkt des Lebens ist und aus ihm entstanden ist und somit nicht verfälscht werden kann, da es einen anderen Zustand nicht gibt und auch jeder angeblich höhere oder niedere Zustand immer noch zu diesem Leben gehört.

Zwischen den beiden Pfeilern von Glaubwürdig und Unglaubwürdig, besitzt die Literatur, und die Kunst allgemein, einen dritten Platz. Dieser Platz trägt Aspekte beider Richtungen. Selbst in einer Autobiographie oder einem Tatsachenbericht, lesen wir nicht die Tatsachen, sondern die Schilderung der Erinnerungen oder Auslegungen; und selbst in einem Roman kann eine völlig konstruierte Szene eine lebendige Darstellung übergreifender Ideen und Ereignisse sein, die das reale Leben bestimmen und ausmachen, ja, die als Symbol, übergeordnet, etwas über das Leben sagen können.

Und obwohl es innerhalb von Literatur und Kunst durchaus unglaubwürdige und glaubwürdige Aspekte (Figuren, Ideen, Ansichten) gibt, so muss man doch den Raum der Kunst an sich als frei von solcherlei Begriffen sehen.