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Zu Siri Hustvedts Essays in “Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen”


Hustvedt Erst letztes Jahr erschien von Siri Hustvedt der (von mir bei Fixpoetry besprochene) Langessay „Die Illusion der Gewissheit“, in dem sie sich interdisziplinär und beeindruckend sachkundig mit dem Geist-Körper-Problem beschäftigte (und darüber hinaus vielfach den mangelnden Austausch und die daraus resultierende mangelnde Verständigung zwischen den einzelnen Wissenschaften beklagte).

U.a. ging es ihr in „Die Illusion der Gewissheit“ um das Entlarven und Zurückweisen von Halbwahrheiten, die in unserem Informationszeitalter an jeder Website-Ecke zu haben sind und die meist einen Aspekt des Körper-Geist-Problems gegen alle anderen ausspielen. Sie plädiert für den Zweifel und wendet sich damit auch gegen jene Form von zementierten Weltanschauungen, die aus jenen Halbwahrheiten entstehen, wenn sie einfach auf alle Bereiche des Lebens angewandt werden.

Nun ist mit „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ ein weiterer Band mit verschiedenen Essays erschienen (nach „Nicht hier, nicht dort“, „Being a man“ und „Leben, Denken, Schauen“ bereits der vierte auf Deutsch). Dessen Texte könnte man, grob gesagt, in zwei Themenkomplexe einordnen: Feminismus und Psychologie.

Wie der Titel bereits andeutet, geht es in einigen Texten darum, den männlichen Blick auf weibliche Körper/Kunst/Erfahrungswelten zu untersuchen. Hustvedt geht hier gleichsam gewissenhaft, aber auch kompromisslos vor und macht mit ihren kritischen Diagnosen auch nicht vor der Ikone Susan Sontag und ihren Betrachtungen zur Pornographie halt. Besonders spannend ist ein Essay zu Wim Wenders‘ „Pina“, aber auch der Titelessay weist in einige interessante Richtungen (sehr cool auch ihr Bericht von einem Treffen mit Karl Ove Knausgard).

In der zweiten Gruppe von Texten zeigt sich Hustvedt als versierte Erforscherin und Deuterin der menschlichen Psyche, ihrer Beschaffenheit und ihrer Verletzungen. All ihr Schreiben scheint dabei vor allem auf das Anerkennen der Komplexität menschlicher Existenzen abzuzielen, während sie über ihre Erfahrungen mit Schreibenden in der Psychiatrie und mit Menschen, die Selbstmord begehen wollten, berichtet.

Ich halte Hustvedt für eine der intelligentesten Essayistinnen unserer Zeit – und ihre Intelligenz vereint in einem wunderbaren Maße Wissen mit Vorstellungsvermögen, faktenbasiertes Forschen/Vermitteln mit essayistischer Ideenfindung. Ihr neuster Essayband hat mich wieder einmal überrascht und beglückt, teilweise völlig unvorbereitet auf Felder und in Theorien entführt, mich aber sofort auch für diese Felder und Theorien begeistern können. Bleibt zu hoffen, dass noch viele Essays von Siri Hustvedt folgen werden.

Zu Virginie Despentes “King-Kong-Theorie”


King Kong Theorie Virginie Despentes war schon 2006, als dieser Essayband zum ersten Mal erschien, kein unbeschriebenes Blatt. Sie hatte mit „Baise-Moi“ einen Bestselleroman (und Film) vorgelegt, in dem es u.a. um sexuelle Gewalt, abnorme Gelüste und brutale Rache ging und galt auch ansonsten als skandalumwobene Figur. „King-Kong Theorie“ schlug noch einmal in diese Kerbe, bevor es still um Despentes wurde, was sich erst nach der Veröffentlichung der großartigen Roman-Trilogie über Vernon Subutex, die ihr Preise und viel Anerkennung einbrachte, wieder änderte.

Schon die ersten Seiten dieser manifestartigen Essayaneinanderreihung haben es in sich. Despenstes nimmt von Anfang an kein Blatt vor den Mund und sagt, dass sie für die Hässlichen, die Ungeliebten, die Uninteressanten, die Durchgeknallten und Hysterischen sprechen wird. Vor allem geht es ihr aber darum, einer an den Rockzipfeln verquerer sexueller Vorstellungen hängenden Gesellschaft mal kräftig die Leviten zu lesen. Die erste Salve richtet sich gegen die Festlegung der Frau als universelles Objekt der Begierde.

es macht mich rasend, wenn man mir ständig zu verstehen gibt, dass ich als Frau, die die Männer kaum interessiert, gar nicht da sein sollte. […] Sogar heute, wo viele Romane von Frauen geschrieben werden, triffst du darin nur selten Frauenfiguren, die unscheinbar oder durchschnittlich aussehen und nicht imstande sind, die Männer zu lieben oder sich von ihnen lieben zu lassen. […] Es ist mir Wurst, ob ich Männer geil mache, die mich nicht zum Träumen bringen. […] Ich bin zufrieden mit mir, wie ich bin, eher begehrlich als begehrenswert.

Um Weiblichkeit geht es dann im Weiteren und warum diese immer noch ein Korsett ist, das (auch „ausgelebt“) so sehr mit Vorstellungen und Erwartungen zugepflastert ist, dass man darin keine echten eigenen Wege gehen kann. Weiblich sein, das wird heute zwar gerühmt, aber noch im Rühmen ist es eine Fessel, mit der nur fröhlicher gerasselt wird. Despentes sieht im Weiblichen das ewige Ausbleiben von echtem Selbstbewusstsein auf Seiten der Frauen, die mit einem falschen, als dynamisch dargestellten, weiblichen Selbstbewusstsein abgespeist werden, das mehr ein Selbstbild denn ein Selbstbewusstsein ist.

Denn um zu kämpfen und in der Politik Erfolg zu haben, müssen wir tatsächlich bereit sein, unsere Weiblichkeit zu opfern, weil wir bereit sein müssen, uns zu schlagen, zu triumphieren, unsere Macht auszuspielen. Wir müssen aufhören sanft, freundlich, diensteifrig zu sein, wir müssen uns erlauben, den anderen öffentlich zu dominieren.

Die anderen, das sind die Männer, die partout selbst die schönsten, besten, progressivsten Diskurse und Ideen an sich reißen, einfach weil sie andere dominieren, wenn es ihnen in den Kram passt, wenn sie es können. Bei Frauen dagegen wird solches Verhalten als hysterisch, hyperbolisch, keifend, kalt, unverhältnismäßig etc. wahrgenommen.

Frauen genießen sozusagen den Vorzug, edle Wesen zu sein, nur, dass dieser Titel keine echten und jede Menge Scheinvorteile bietet. Frauen werden idealisiert (die schönsten, mächtigsten, intelligentesten von ihnen, die Schatten auf alle anderen werfen) und sie werden mit lauter Zuschreibungen versehen und davon abweichendes Streben wird entweder verharmlost oder verurteilt. Die hohen Ansprüche, die an Frauen in der Gesellschaft gelegt werden, lassen jeden Fehltritt oder jede Eigenheit zu einem Fehler, einer „Sünde“ werden. Die „edlen Wesen“ sind nicht ausgezeichnet durch, sondern gefangen, gebannt in den hohen Standards, die ihnen als Identität verkauft werden.

Männer verurteilen die Vergewaltigung. Deswegen ist das, was sie tun, immer etwas anderes. […] Hört endlich auf, uns einzureden, die sexuelle Gewalt gegen Frauen sei ein neues oder irgendeiner bestimmten Gruppe eigenes Phänomen.

Im nächsten Kapitel geht es um noch härteren Tobak. Hier spricht Despentes, teilweise aufbauend auf dem ersten Teil, über Vergewaltigungen: warum man nicht darüber spricht, warum sie ein Tabu sind, warum Frauen bis heute größtenteils damit alleingelassen werden – und schildert dann eine Vergewaltigung, die sie selbst erlebt hat. Schildert, warum sie sich nicht wehrte, und wie sie in diesem Moment Teil eines gesellschaftlichen Konstruktes, einer gesellschaftlichen Gewalt wurde, die sie, zusätzlich zu den Ereignissen, überwältigte.

Von dem Augenblick an, da ich kapierte, was uns geschah, war ich überzeugt, dass sie die Stärkeren waren. Eine mentale Sache. Inzwischen bin ich überzeugt, dass ich anders reagiert hätte, wenn sie uns unsere Jacken hätten klauen wollen. Ich war nicht tollkühn, aber oft leichtsinnig. Doch in dem Moment fühlte ich mich als Frau, widerwärtig als Frau, wie ich mich nie gefühlt hatte, wie ich mich nie mehr gefühlt habe. […] Ich bin wütend auf eine Gesellschaft, die mich erzogen hat, ohne mir je beizubringen, einen Mann zu verletzen, der mir mit Gewalt die Beine spreizt, während die gleiche Gesellschaft mir eingetrichtert hat, dass es sein Verbrechen sei, von dem ich mich nie wieder erholen dürfe.

Despentes beschreibt die Vergewaltigung als beides: als furchtbare Erfahrung, aber auch als eine, über die sie hinwegkommt; die sie zwar immer wieder einholt, die aber nie bestimmt, wie sie mit Sexualität und Macht und Ängsten umgeht. Sie verharmlost das Erlebnis nicht, fädelt es minutiös auf – und gerade dadurch bekommt es etwas gleichsam Gewöhnliches UND Schreckliches. Was genau die Dimension ist, die Vergewaltigungen in den meisten Gesellschaften immer noch haben. Sie geschehen nämlich täglich, in jedem Krieg, in der Ehe, unter Bekanntschaften, unter Liebenden, in Arbeits- und Geschäftsverhältnissen. Und sind doch eine der schlimmsten Gewalttaten, die man sich vorstellen kann. Weswegen sie ja auch verurteilt werden. Nur reden sich Männer halt sehr viel zurecht, wenn es um den Willen oder die Wünsche der Frau zum/beim Sex geht.

Kurz überlegt Despentes, warum es nicht schon längst ein Gerät gibt, das eine Frau sich in die Vagina einsetzen kann und das jeden unerlaubt eindringen Penis zerfetzt.

Aber vielleicht ist es ja gar nicht wünschenswert, das weibliche Geschlecht für gewaltsames Eindringen unerreichbar zu machen. Eine Frau muss offen bleiben und ängstlich. Wie sonst sollte sich Männlichkeit definieren? […] Die Vergewaltigung, diese verdammte Tat, von der niemand sprechen darf, vereint in sich eine ganze Reihe grundlegender Glaubenssätze über die Männlichkeit.

Am schlimmsten, so sagt sie, ist, dass sie manchmal Vergewaltigungsphantasieren hat, für die sie sich schämt, die sie aber verfolgen. Sie sieht darin keinen wirklichen Wunsch nach dem Akt der Vergewaltigung, sondern einen gesteigerten Ausdruck ihres Wunsches nach Dominanz, den ihr die Gesellschaft, die sexuellen Normen, eingetrichtert haben; ihre Lust muss immer in der Ohnmacht, im Genommenwerden, im passiven Aufnehmen liegen.

Auch in den folgenden Kapiteln tut sich Despentes weiter in brisanten und heiklen Themen um. Oft sind ihre Thesen steil, aber nie ohne Biss, voller Ecken und Kanten, an denen man sich stößt. Zur Sex-Arbeit, die sie eine ganze Weile ausgeübt hat, berichtet sie vor allem Positives und spricht über die Faszination, sich selbst und seinen Körper als Objekt zu begreifen – also nicht objektifiziert zu werden, sondern diesem Prozess sozusagen zuvorzukommen, selbstbestimmt.

Ich war die Hüterin eines wild begehrten Schatzes […] der Zugang zu meinem Körper erhielt eine extreme Bedeutung […] Mein Körper war ein riesiges Spielzeug geworden.

Despentes macht klar, dass sie nicht versteht, warum Frauen nach wie vor stigmatisiert werden, wenn sie ihren Körper verkaufen, während Männer, die Körper kaufen, kein bisschen stigmatisiert werden. Sex soll also etwas sein, dass Männer wollen, Frauen aber ungern geben, oder nur aus Liebe, nicht gegen so etwas Niederes wie Geld (das erst wieder zu einem hohen Gut wird, wenn der Mann es nach Hause bringt)?

Keine Frau darf aus sexuellen Diensten außerhalb der Ehe Gewinn ziehen. Sie ist keinesfalls erwachsen genug für die Entscheidung, ihre Reize feilzubieten. […] Sie sind immer Opfer.

Auch auf Pornographie kommt sie zu sprechen und bietet hier ebenfalls einen eigenwilligen Blickwinkel. Pornographie ist für sie einerseits ein wichtiges Ventil für unsere Phantasien, andererseits liegt in ihr dasselbe Problem, wie in allen Fiktionen: wenn man anfängt, sie eins zu eins für voll zu nehmen, auf die Wirklichkeit zu übertragen (vor allem die Fiktionen, die unterhalten wollen), dann werden daraus Illusionen, falsche Vorstellungen, gefährliche und hartnäckige.

Man verlangt zu oft vom Porno, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein. Als wäre er kein Kino mehr. Man wirft zum Beispiel den Schauspielerinnen vor, ihre Lust nur zu spielen. Aber gerade dafür sind sie da, dafür werden sie bezahlt, das haben sie gelernt.

Natürlich ist Pornographie ein sehr heikles Thema und die teilweise horriblen Arbeitsbedingungen hat Despentes etwas zu wenig im Blick. Despentes plädiert für einen aufgeklärten Umgang mit Pornographie wie auch schon vorher mit Sexarbeit und Vergewaltigung. Die Stigmatisierung und das Tabu sind ihrer Ansicht nach dafür verantwortlich, dass es bei diesen Themen zu wenig Bewegung gibt, sich zu wenig ändert, zu wenig debattiert und gefordert wird, zu viel Misstrauen und Vorurteile herrschen.

Sex, Sex, Sex. In Despentes Buch geht es viel darum und doch ist kaum ein Deut davon erfreulich und damit stellt sie sich, sehr erfolgreich und bemerkenswert, wie ich finde, gegen den ewigen Strom der positivistischen Sexualbücher, Filme, und sonstigen sexualisierten Medien. Natürlich ist Sexualität, einvernehmlich und mit entsprechender Rücksichtnahme und Vorsicht gelebt, etwas sehr Schönes. Aber es wird zu wenig gesprochen über die Versäumnisse und Tabus, die es hier immer noch gibt. Und das sind eben nicht Analsex oder Fisting, Gang-Bangs, etc.

Nein, vielmehr wird zu wenig darüber gesprochen, dass Sexualität noch immer und oft viel mit Gewalt zu tun haben kann. Dass Sexualität immer noch ein Machtinstrument ist, nach dem Geld sicher das Einflussreichste. Und dass die Darstellung von Sexualität bei aller Aufgeklärtheit noch immer fadenscheinig und sehr monokulturistisch sein kann.

Despentes, um nur ein Beispiel zu nennen, spricht zum Beispiel über den weiblichen Orgasmus, der als Errungenschaft gepriesen, aber längst nicht so gelebt wird, werden kann. Denn:

Von einer Möglichkeit wurde der [weibliche] Orgasmus in einen Imperativ verkehrt.

Für eine Frau muss der Orgasmus plötzlich ein Ziel sein und sie muss zum Orgasmus kommen können, muss sich auf den Mann soweit einlassen, damit er sie zum Orgasmus bringen kann. Zwang statt Freiheit.

Despentes Buch ist ein Sammelsurium, ein Schwall, eine Tirade voller Traktate; eine vielleicht nicht immer ausgewogene, aber dennoch großartige Auseinandersetzung mit den blinden Flecken des sexualisierten Zeitalters. Wen einige der angedeuteten Themen interessieren, dem kann ich nur empfehlen, sich mit Virginie Despentes Essays auseinanderzusetzen und sich geistig mit ihnen zu messen; sie vermag es, einiges vom Kopf auf die Füße zu stellen. Sie hat sicher nicht immer Recht, aber sie zwingt die Leser*innen unerbittlich, sich mit der Fragilität von Sexualität auseinanderzusetzen. Denn das ist Sexualität auch: nicht nur kraftstrotzend, vital, hedonistisch, glänzend und eruptiv, sondern auch fragil, widersprüchlich, hässlich, schwierig, eigensinnig. Davor die Augen zu verschließen bringt nichts. Wir müssen miteinander darüber reden, egal wie sehr versucht wird, Normen wie Gräben zwischen uns zu ziehen.

Traditionell sollen sich Frauen und Männer nicht verstehen, verständigen und miteinander aufrichtig sein. Diese Möglichkeit ist offenbar beängstigend.

Zu der Anthologie “Querulantinnen” mit siebenundzwanzig weiblichen Kabarettistinnen im Reclam Verlag


Querulantinnen „Wenn das Scheitern nicht wär,
wo wären wir da –
Du würdest mich nicht fragen müssen
wo ich gestern war, weil –
Ich wär dir überhaupt niemals
begegnet mon cher.

Wenn das Scheitern nicht wär,
wo wären wir da –
und wär ich jetzt gescheiter
oder nicht, oder blabla
Und wo nähme ich denn
meine ganze Kraft her,
wenn das Scheitern nicht wär.“

So singt die wunderbare Uta Köbernick. Es ist eigentlich schon ein Versäumnis, dass dieser ambitionierten Anthologie mit von Frauen gemachtem Kabarett, mit weiblicher Poesie und Liedkunst, keine CD oder sogar DVD beigelegt wurde. Denn so stark viele Texte sind, gerade die Poetry-Slam- und Liedtext leben nun mal von der Lakonie/dem Drive/den Nuancen des Vortrags und erscheinen auf dem Papier in manchen Momenten etwas eindimensional.

Aber auch ohne audiovisuelle Aufbereitung kann man sich an den Texten der 27 Kabarettistinnen und Poetinnen dieser Anthologie größtenteils erfreuen, sich von ihnen erheitern und vor den Kopf stoßen lassen, sich mit ihnen und gegen sie empören.

Ein häufig auftauchendes, allzeit präsentes Thema ist natürlich die Frage nach dem feministischen Aspekt von weiblichem Kabarett: sollte man Klischeethemen bewusst vermeiden oder gerade diese Themen angehen? Muss sich weibliches Kabarett irgendwie besonders positionieren oder sollte es sich gerade gegen dieses mögliche Stigmata wehren. Im Vorwort schreibt die Herausgeberin Daniela Mayer:

„Denn heute gilt mehr denn je: die Erwartungen vor allem an Frauen sind auch in der Kleinkunst besonders hoch. Und werden sie nicht erfüllt, wird eben das Ticket der weniger ambitionierten Konkurrentin gekauft.“

Es ist interessant zu beobachten, wie diese Diskussion oft mitschwingt in den Texten und einem dadurch auch einfällt, wenn ein Text nicht in irgendeiner Weise daran anknüpft. Es ist bedenklich, dass es anscheinend einen weitverbreiteten Reflex gibt, der weiblichem Kabarett den Stempel „Frau wehrt sich, Frau schießt zurück“ aufdrücken will – und es dadurch nur zum bloßen Widersacher, zum Antagonisten männlichen Kabaretts macht, zu einer Kunst, die nur reagiert und nicht für sich selbst steht, die sich permanent behaupten muss und nicht einfach sein kann. Die meisten Kabarettistinnen in diesem Buch gehen diesem Label nicht auf den Leim, aber nicht alle finden einen Weg drumherum.

„Zwischen Männern und Frauen gibt es viele unausrottbare Missverständnisse. Und viele Klischees. Eines davon ist das Klischee, dass Männer nicht gerne reden. Dieses Vorurteil kann ich in der Form eher nicht bestätigen. Mag sein, dass Männer über manche THEMEN nicht so gerne reden, aber will ich als Frau einen Mann in ein Gespräch verwickeln, so brauche ich nur die richtigen Themen auszuwählen und schon bin ich bei Männern auf der ganz, ganz sicheren Seite. Wenn ich einen Mann dazu auffordere, darüber zu erzählen, wie schlecht und/oder hinterhältig seine Ex(en) ihn behandelt hat (haben), dann geht’s los.“ (Aus einem Text von Lioba Albus)

Der Diskurs, der sich an solchen Fragen entzündet, ist sicher wichtig und die Selbstkritik und die mannigfaltige Reflexion, die die Querulantinnen an den Tag legen, sind bewundernswert. Aber man wünscht ihnen, dass daraus kein Teufelskreis wird, dass die Leute sie aufgrund ihres Humors, ihrer Intelligenz und ihrer auf den Punkt gebrachten, entlarvenden Pointen feiern und nicht, weil sie sich gekonnt innerhalb dieses Diskurses positioniert haben. Emanzipation soll doch heißen: Unabhängig sein von seinem Geschlecht und seiner Rolle im Diskurs, oder nicht? Wohl auch wieder eine Frage, die einen Diskurs entzündet.

„Was wir Frauen im Kabarett an veralteten Rollenklischees zelebrieren, da kriegen Islamisten einen Ständer. […] Interessant ist aber, dass es immer die Humorlosen sind, die über Humor urteilen. […] Darum: mehr Humor und mehr Spott den Idioten. Weil es sie herunterschrumpft, auf das richtige Maß. Oder wie man jetzt in Amerika sagt: Make assholes small again.“ (Aus einem Text von Lisa Catena)

Es geht ja vor allem um Humor, um Satire, um die Kunst, die Dinge verquer auf den Punkt zu bringen – auch weil das, was sehr ernst ist, nicht am Schlechtesten in einem klugen Scherz aufgehoben ist, in einem trefflichen Spruch. Und Humor sollte kein Geschlecht haben müssen, zumindest nicht aufgrund seines Geschlechts beurteilt werden. Sondern aufgrund seiner Cleverness, seiner Qualität. Und Qualität findet man hier überall: in den Tweets von Lea Streisand:

„Sorgen sind wie Nudeln: man macht sich immer zu viel davon.“

Den Miniaturen von Uta Köbernick:

„Angst
ist der rote Teppich
für den Mut.“

und den Liedern von bspw. „Suchtpotenzial“:

„VIELEN DANK DISNEY – (danke Disney)
Für die scheiß Illusionen und die Herbstdepressionen
DANKE DISNEY – (Vielen Dank Disney)
Hätt ich damals mal lieber Pornos geguckt
und früher gemerkt, dass ihr lügt wie gedruckt
VIELEN DANK DISNEY – (danke für nichts)

Er ruft nicht: Rapunzel lass dein Haar herunter
sondern nur: Ey Mädschen! Was trägstn du drunter?“

In Querulantinnen gibt es eigentlich kein Thema, das nicht gestreift wird: Politik, Alltag, Klima, Religion, Liebeskummer, Sex und kaum eine Form, die nicht wenigstens einmal vorkommt: Geschichte, Aphorismus, Lied, Gedicht, Anekdote, Comedy, Poetry-Slam, Satire, Apell, Rede, etc. Manchmal geht es sehr munter zu, dann wieder bissig, dann nachdenklich, dann und wann auch albern, wie bei Maria Vollmers Version der zehn kleinen Zinnsoldaten, äh, Eizellen

„Fünf kleine Eizellen riefen ganz laut: „Hier!“
Doch Horst hat ihn nicht hochgekriegt, da war’n es nur noch vier.

Vier kleine Eizellen rollten flink herbei,
die Wodkaparty ging zu lang, da warn es nur noch drei.

Drei kleine Eizellen, die gingen jetzt aufs Ganze,
am Ende war’n es nur noch zwei, das Date das hieß Konstanze.“

Alles in allem: eine tolle Anthologie, wichtig für den Diskurs, noch wichtiger fürs Zwerchfell, das Hirn, Youtubenächte und das Herz. Ein Buch, über das man nicht einfach sagen sollte: es zeigt, dass auch Frauen großartiges Kabarett machen. Es geht schließlich nicht bloß um das Aufheben einer Negation. Es ist schlicht zu sagen: hier kann man ein Buch voller Beiträge von großartigen Künstlerinnen erwerben, gut ausbalanciert zwischen Kritischem, Spaßigem, Nachdenklichem und Banalem.

Natürlich will ich nicht falsch verstanden werden: die emanzipatorische Dimension des Buches will ich keinesfalls kleinreden (und es ist ja auch erfreulich, dass der Reclam-Verlag ein solches Buch rausgebracht hat, Daumen hoch). Kabarettistinnen gehören gesehen und gehört. Und natürlich ist es wichtig, dass wir uns in unseren Gesellschaften für die Menschen einsetzen, die es nachweislich schwerer haben, gehört und gesehen zu werden. Zum Schluss, ein letztes Mal zitiert, ein Satz von Uta Köbernick:

„Wegschauen hilft leider nicht,
Da siehts nämlich auch nicht besser aus.“

 

“We take love in all its seasons.” Beeindruckende Gedichte um die Liebe von Anne Sexton.


“Bis Gestern war mein Körper nutzlos.
Nun zerrt er an allen Ecken und Enden.
[…]
Einst war ein Boot, ganz aus Holz, ohne Aufgabe,
ohne Salzwasser unter ihm, konnte etwas Farbe brauchen.
Er war nicht mehr als eine Ansammlung von Brettern.
Doch du hast es ausgesetzt, es aufgetakelt.
Es ist auserwählt worden.”

Immer wieder gerne wird Anne Sexton, gebürtige Amerikanerin, geb. 1928, gest. durch Freitod 1974, zu den “confessional poets” gezählt (andere z.B.: John Berryman, Robert Lowell) und noch näher scheint oft der Vergleich mit Sylvia Plath zu liegen, obwohl die beiden nur einige wenige Begegnungen hatten. Allerdings gibt es in der Tat auffällige Parallelen in ihren poetischen Werken; z.B. ihre sehr ambivalente Einstellung zu Liebe, Sex und Institution wie Kinderkriegen, Ehe und Erfüllung und die leicht abseitigen Bilderwelten und Verschlüsselungen, die beide erfunden haben, um diese Dinge in Gedichten zu verarbeiten.

“I cried and then you held me just as you must
and of course we’re not married, we are a pair of scissors
who come together to cut, without towels saying His. Hers.”

Die Liebesgedichte Sextons liegen zwischen zwei Lagern und da liegen sie genau richtig. Auf der einen Seite ist immer noch Klassisches zu finden, die (Üb-)Erhöhung der Liebesakte, die Vervielfältigung des Träumens und die Sehnsucht, die man dem geliebten Menschen und seiner Berührung und am meisten seiner Abwesenheit angedeihen lässt. Mit diesem Teil geht Sexton sehr sparsam um, was man aber kaum bemerkt, weil sie es manchmal so schmerzvoll und greifbar tut, dass es über dem ganzen restlichen Gedicht hängt wie ein Schatten. Auf der anderen Seite ist da ihre ganz eigene lyrische Stimme: ihr persönliches Verständnis, ihre Erfahrungen und Anschauungen zu Liebe und Beziehung. Die sind manchmal nicht weniger zärtlich oder zerrissen als das Klassische. Aber in Ihnen steckt eine Komponente, die die Facetten der ganzen Sache leuchten lässt, das Klassische zum Persönlichen hin aufbricht.

“Während zwanzig Zentimeter Schnee
herunterkamen wie Sterne
in kleinen Kalkstücken
waren wir in unseren Körpern
(diesem Raum, der uns begraben wird)
und du warst in meinem Körper
(dieser Raum, der uns überdauern wird)”

“So tell me anything but trake me like a climber
for here is the eye, here is the jewel
here ist the excitement the nipple learns.
I am unbalanced – but I am not mad with snow.
[…]
I burn the way money burns.”
Wenn man kann sollte man die Gedichte auf Englisch lesen, denn Sexton hat ein unglaubliches und unkompliziertes Gefühl für Sprache. In einem Gedicht namens “The Ballad of the lonely masturbator” gibt es zum Beispiel diese Strophe:

“Finger to Finger, now she’s mine.
She’s not too far. She’s my encounter.
I beat her like a bell. I recline
in the bower where you used to mount her.
You borrowed me on the flowered spread.
At Night, alone, I marry my bed.”

Also auch darum geht es, um Selbstliebe und Einsamkeit, die einen wesentlichen Bestandteil der Liebe ausmachen. Das letzte große Gedicht in der deutschen Ausgabe der Liebesgedichte, ein Zyklus, beschreibt die 18 Tage die Sexton von einem ihrer Liebhaber getrennt ist. Überhaupt sind Liebhaber die beherrschenden Figuren des Buches.

Unsäglich schön sind manche Gedichte, fast schon wieder traurig, weil selbst das Vergehen, der Verzug der Liebe, in ihrer Erfüllung schon eingeplant ist:

“Seien wir ehrlich, ich war nicht von Dauer.
Ein Luxus. Eine hellrote Schaluppe im Hafen.
Mein Haar stieg wie Rauch aus dem Autofenster.
Junge Venusmuscheln, nicht billig zu haben.”

schreibt sie an einen Mann, der sie verlassen hat und zu seiner Frau zurückgekehrt ist.

“Das Meer trägt eine Glocke am Nabel.
[…]
Die Brandung ist eine Droge und ruft
die ganze Nacht lang
ich bin, ich bin, ich bin.”

“Take my looking glass and my wounds
and undo them. Turn off the light and
then we are all over black paper.”

Die “Liebesgedichte” sind ein fulminantes Werk über die Liebe, das Unfaire und das Gelungene an ihr, das Ertragen und das kurze Besitzen. In seinen vielen unterschiedlichen Ansätzen bringt er es zustande, dass seine vielen Richtung langsam die Form eines Satzes annehmen, eine großartigen Satze, wie man sich ihn auf die inneren Augenlieder schreiben will, in ein kleines Büchlein der Wahrheiten des Lebens: “We take love in all its seasons”. Wer wirklich Gedichte über die Ausmaße der Liebe und ihrer Unterströmungen lesen will, muss zu Anne Sextons Gedichten greifen

Als letztes noch ein Ausschnitt aus den Gedichten “Nacktschwimmen” und “4th December”:

“Water so clear you could
read a book through it.
Water so bouyant you could
float on your elbow.
I lay on it as on a divan.
Water was my strange flower.”

“Als der Bibermond die Erde erhellte,
raschelten Eichenzweige wie Mäuse in einem Karton.”