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Zum Tod von Kurt Marti


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Am Sonntag ist der großartige Dichter Kurt Marti gestorben. Seit mehreren Jahren lese ich in seinen Notizen, dem Band “Zärtlichkeit und Schmerz” (Luchterhand, erschienen 1981) und bin immer noch am Staunen.

Er ist außerdem einer der Dichter, von denen ich ein Zitat im Herzen trage, eine Weisheit, die ich in meinen Dachbalken einbrennen ließe, wenn ich dergleichen hätte – sie lautet:

“Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen”.

Dieser Spruch wird mich noch lange begleiten.
Poesie ist Arbeit an der Zukunft. Wie wahr.

Link zu einem Artikel in der NZZ

Walt Whitmans großartige Grashalme


“Bleibe nur diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du
sollst den Ursprung aller Gedichte erfassen!
Du sollst das Gut der Erde und der Sonne haben (Millionen
von Sonnen sind noch übrig),
du sollst die Dinge nicht mehr aus zweiter oder dritter
Hand nehmen, auch nicht durch die Augen der
Toten sehen und dich nicht nähren von den
Gespenstern in Büchern;
Du sollst auch nicht mit meinen Augen sehen, noch die
Dinge von mir empfangen,
Du sollst Horchen nach allen Seiten und sie alle durch dich selbst filtrieren!”

Ein Freund von mir (danke Holger!) brachte mich dazu noch einmal nach langer Zeit zu diesem Werk zu greifen.

Borges meinte einmal, dass jeder große Schriftsteller ein Symbol geprägt habe und auch prägen müsse, weil es ansonsten ganz unerheblich sei, ob er gut schriebe oder nicht, er würde dann die Zeit nicht überdauern: Kafkas Labyrinthe; Cervantes Gestalt Don Quijote, mitsamt Gefährte Sancho Pansa und den Windmühlen; Melvilles weißer Wal Moby Dick. Doch Borges nennt stets auch ein Ausnahme: Wald Whitman, der kein Symbol geprägt habe (außer vielleicht das Bild der Grashalme), sondern selbst zu einem geworden sei.

“Ochsen, die ihr mit dem Joch und der Kette rasselt oder
unter schattigem Blätterdach haltet, was ist es, das
ihr in euren Augen ausdrückt?
Es scheint mir weit mehr als alles Gedruckte, das ich in
meinem Leben gelesen.”

Whitman ist ein Rufer des Lebens. Dies, was uns durchpulst, unser Maß, doch aus der Aufmerksamkeit geputzt, oft verbannt aus unserer Mitte, benutzt, analysiert, systematisiert und verbogen, will er uns wieder nahebringen. “Das Alles” ruft er uns aus seinen Zeilen zu, ist das Leben, alles was an Wunderbarem zu greifen ist, in unser Nähe geschieht, jedes noch so kleine Wunder, das uns kurz umgibt, jede noch so einfache oder schwierige Tätigkeit, jeder Name, jede Periode unseres Lebens und der Ewigkeit. Whitman steht außerhalb jeder literarischen Tradition, weil er in der Tradition des Lebens wandelt.

“Alle Wahrheiten harren in allen Dingen,
sie haben’s nicht eilig mit ihrer Befreiung, noch
widerstehen sie ihr,
Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtenhelfers.
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendetwas.
(Was ist weniger oder was ist mehr als eine Berührung?)”

Die Grashalme sind Musik, sind Hymne, aber auch philosophischer Sturm, in dessen Wind das Flüstern der kleinen Wahrheiten und die große Potenz der Wirklichkeit an unser Ohr schwebt: “Die Uhr zeigt die Minute – aber was zeigt die Ewigkeit?”
Pathos ist bei solchen Gesängen ja eigentlich schwer zu umgehen; aber, o Wunder, gerade das würde man nie über die Grashalme sagen, dass sie pathetisch seien, zu sehr erkennt man sich selbst in der einen oder anderen Liebe, in dem ein oder anderen Halm. Es bleibt das Gefühl einer natürlichen, nie zu schnellen, nie zu langsamen Bewegung, die immer in die eigene Erweckung schreitet, hierhin zeigt, dies aufdeckt, jenes nacherzählt.

“Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?
Erregt denn das Tageslicht Erstaunen? Oder der
frühmuntere Rotschwanz, der durch die Wälder
zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als diese?”

Die von mir zuletzt gelesene Ausgabe beim Anaconda Verlag umfasst einige Gedichte aus den “Trommelschlägen” (dies Impressionen aus den Jahren des Bürgerkriegs, z.B. ein in Worten gemaltes Bild von Kavallerie, die ein Furt durchquert); dann, über 60 Seiten, also ein Drittel des Buches, einen Ausschnitt aus dem gewaltigen “Gesang von mir”, einem Text, halb Gesang, halb Erzählung, voller Ansichten und Verherrlichungen, voller Schönheit und immer wieder sinnlich-geistreich; des Weiteren noch viele andere, auch kleine Gedichte, meist ein-zwei Seiten lang, aus dem Spätwerk, die meist neben dem “Gesang von mir” entstanden.

“Hier oder fortan, mir ist es gleich, ich vertraue der Zeit unbedingt.
Sie allein ist ohne Unterbrechung, sie allein rundet und
vollendet alles,
Dies Mystisch verwirrende Wunder allein vollendet alles.”

Vielleicht ist dies die letzte Botschaft Whitmans: Alles vollendet sich von selbst, es hat keinen Sinn Krieg zu führen, zu hetzten, sich von irgendetwas auffressen zu lassen. Letztendlich geht das Leben seine Wege und man sollte ihnen folgen, man sollte sein Glück machen, die Augenblicke haben – seine Stimme flüstert: Das Leben ist dies alles, was versuchte außerhalb zu sein, sich davor zu retten, sich darin zu verstecken, es gibt nur dies und das ist das Großartige! Es gibt die Welt, die Welt als das Ding, dass sie ist, Geheimnis ist sie und doch so wach, so wach ist das Geheimnis, das sollten wir erkennen: und wir gehören dazu.

“Seht ihr, o meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos oder Tod, es ist Form, Einheit,
Bestimmung, ist ewiges Leben – ist Glückseligkeit.”

Mit Ingeborg Bachmann in Bildern reden – Die Sämtlichen Gedichte


“Ich bin ein Strom,
mit Wellen, die Ufer suchen.
[…]
Ich bin satt von der Zeit
und hungere nach ihr.
[…]
Tief im Grund verlang ich immer
alles restlos zu erzählen,
in Akkorden auszuwählen,
was an Klängen mich umspielt.
[…]
Ich weiß die Welt näher und still.”

Die besten Dichter lassen uns ständig auf- und untertauchen. Sie heben uns zur Sonne ihrer größten Gedanken und werfen uns in die Wasser der tiefsten Empfindungen. In den besten Gedichten, so finde ich, wandeln sich Stimmungen in etwas um, das man erzählen kann. Zumindest in den besten Gedichten von Ingeborg Bachmann.

“Die Axt der Nacht fällt in das morsche Licht.”

Ingeborg Bachmann, die früh verstorbene Galionsgestalt der Nachkriegspoesie, gehört mit ihrem recht schmalen Werk zu den größten lyrischen Stimmen des 20. Jahrhunderts. In einem manchmal übermächtigen Sturm aus Anbrechendem und Bildern gefangen, gleichzeitig einschneidend mit jedem ihrer Worte, und oft in eine zusammenfaltende Instanz ablaufend, die alles stillt, hat dieses Werk, zärtlich bis suggestiv, kaum einen Punkt, an dem es nicht ungreifbar und rätselhaft wäre, doch an jedem dieser Punkte kann man ebenso in eine tiefe Pupille geraten, eine weitführende Aussage, gebogen, gleich den Krümmungen in den Aussichten des Ich – oder der Sprache?

“Ich bin mit Gott und seiner Welt zerfallen,
Und habe selbst im Knien nie gefühlt,
dass es den Demutfrieden gibt,
den alle anderen sich so leicht erdienen.”

Woher geschieht die Tragik in diesem Werk, die Tragik, die Bachmann umgibt wie eine Kerze die Finsternis und nicht das Licht. Teils ist sie wohl dem biographischen Meißel zu verdanken, der seine Vertiefungen in das Gestein der Texte geschlagen hat. Mit einer scheinbar als permanent zu begreifenden Schwebe tritt Gedicht um Gedicht auf – aber eigentlich fällt alles hier in eine große Tiefe, dem Fallen fast noch mehr als dem Aufprall überlassen; es ist die Fallhöhe, die Bachmann schmiedet, in fast all ihren Texten.

„Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,
wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch daß wir sprechen und uns nicht verstehen
und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,

zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.
Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,
und das Verlangen, tief uns anzusehen,
durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen.“

In einer Bewegung, zwischen Ansage, Beschwörung und dem Schreiben des Umtosenden, entsteht die Fliehkraft, die Bachmanns Werk oft einer genauen Bestimmung entzieht. Aus dieser Tatsache entsteht wiederum eine andere Bestimmung, ja, sogar eine Kraft, jene Bedeutung, die Bachmanns Dichtung immer noch innehat, jene einzigartige Komponente, die in ihr enthalten ist wie eine Essenz. Was sie uns sehen lässt, das findet sich nicht dort, wo es zu sehen ist, sondern nur in einem abgewandten Sinn, von dem die Worte ihre Form erhalten, ihre Sprache, ihr Wesen.

Verzweiflung und Ungewissheit, dominante Themen, aber sie schmälern nicht, dass Bachmann eine der poetischsten Lyrikerinnen überhaupt ist, gerade weil sie es „zwischen die Dinge“ schafft; es ist, als würde sie in ihren eigenen Worten erwildern und doch teilt sie ununterbrochen eine Sprache mit uns, eine Wirklichkeit, wie von der Nadel einer Spritze tropfend, die gerade noch in denen Venen allen Geschehens steckte. Bachmann ist weder abstrakt noch klar, sondern schlicht poetisch; manchmal reimt sie, manchmal nicht; es ist schwierig eine überflüssige Zeile zu finden.

Thematik und Erfolg sind natürlich auch von der Zeit bestimmt. Ihre beiden Gedichtbände erschienen 1953 (Gestundete Zeit) und 1956 (Anrufung des großen Bären), also nicht sehr lange nach dem Krieg, wo diese vage ausholende Dichtung, die Motive aufgriff, ohne sie zu plakatieren, verarbeitete, aber nicht aufbereitete, den Zeitgeist traf. Dennoch läge man völlig falsch, wollte man ihre Lyrik als ausschließlich historisch-relevant einsortieren. Bachmann wurde vielleicht -auch- berühmt, weil sie in ihren Gedichte Zeilen niederschrieb wie:

“Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht ein enthaupteter Engel ein Grab für den Hass
und reicht dir die Schüssel des Herzens.”

aber der größte Teil ihrer Verse ist von einer großen Universalität; der Universalität einer Welt, gespiegelt in der Ungewissheit eines einzelnen Individuum, eines einzelnen Wesens.

“In der Dämonen Gelächter gebrannt,
bodenlos, sind die Schalen
dieses glücklosen Lebens,
das bis zum Rand uns bedenkt.”

Bachmann ist, meiner Meinung nach, keine Dichterin, die man rundum verstehen kann, sondern vielmehr eine, die einen immer wieder versucht.
Lassen wir ihr das letzte Wort und diesen vier Zeilen, in denen sie uns Schicksal des Dichters lesen lässt:

“Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein…
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.”