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Zum dritten Band der Jandl-Werkausgabe


dritter band jandl Der dritte Teil der Jandl-Werkausgabe enthält mit „die bearbeitung der mütze“ einen der vermutlich besten Gedichtbände des Wiener Autors. Hier findet sich nicht nur das wunderbare Langgedicht „183 Fahren für Rottweil“, sondern auch der programmatisch wie poetisch herausragende Zyklus „der gewöhnliche rilke“, mit so bekannten Gedichten wie „rilkes schuh“:

„rilkes schuh
war einer
von zweien

jeder schuh rilkes
war einer
von zweien

rilke in schuhen
trug immer
zwei

wade an wade
stand rilke
aus den beiden schuhen heraus“

In dem ganzen Zyklus, im ganzen Gedichtband, probt und vollführt Jandl mit verschiedensten Mitteln einen Stil zwischen Provokation und Brillanz, für den er schon in früheren Bänden bekannt war, den er aber hier auf enervierende bis vorzügliche Art und Weise noch einmal ausbaut. Kritisch klopfen seine Verse das Sprachliche ab und sind doch selbst Kunstwerke einer ausgereizten Sprachlichkeit (zuzüglich einer ebenso ausgereizten graphischen Anordnung von Sprache).

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vorvorvorvorhang
vorvorvorhang
vorvorhang
vorhang

Dabei geht er ebenso spielerisch wie gewissenhaft vor – ja, das Absurde und die sprachliche Prägnanz kommen in seiner Dichtung immer wieder aufs Erstaunlichste zusammen, sorgen für Transzendenz und Unterhaltung in verschiedenen Kombinationen, manchmal in Form von feinen Banalitäten, manchmal in Form von grotesk-verstiegenen Konstrukten.

Kurzum: auch dieser dritte Band hält einiges bereit für jede*n Freund*in von ernsten Sprachspielereien, Lyrik von absurd bis zwingend, mit kritischen Ansätzen nebst unterhaltsamen Ausformungen. Ein Jandl-Gedicht kann man erforschen oder einfach nur bestaunen, gleichermaßen. Hier gibt es viele wunderbare, reizvolle Stücke, aus denen, wie bei jedem guten Gedicht, die Frage hervorscheint: wer sind wir eigentlich, wir, die Sprechenden, die Lesenden, die Denkenden?

du bist nicht hier
du bist gewiß nicht hier
wo du bist
mußt du selbst herausfinden
vorausgesetzt du mußt
herausfinden wo du bist
hier bist du keinesfalls
hier sind ausschließlich wir
hundertdreiundachtzig buchstaben

 

Zu den Gedichten Jean Genets


Jean Genet Gedichte
“Der Zufall – der größte! der Zufälle ließ zu oft
Aus meiner Feder ins Herz meiner Gedichte
Die Rose fließen mit dem Wort Tod, das aus ihren weißen Armbinden”
Gestickt die schwarzen Krieger tragen, die ich liebe.”

Im Prinzip sind die Gedichte Jean Genet Gesänge, ausschweifende Balladen, die gleichsam einzigartig sind und doch an die französischen Lyrik-Traditionen von Comte de Lautréamont (Gesänge des Maldoror) über Charles Baudelaire bis zu Arthur Rimbaud anknüpfen. Wer dieser Tradition und ihre Erzeugnisse schätzt, der kann bedenkenlos zugreifen. Leuten, die Genets Romane mit all ihrer Wucht, Kasteiung und Abgründigkeit, all ihrer Poesie schätzen, werden die Gedichte wie Liedpassagen aus diesen Romanen vorkommen, wie Ergänzungen, Overtüren und Vertonungen.

Rimbaud steht Genet vielleicht noch am nächsten, mit ihm hat er die schwelgerische Dichte gemeinsam und ebenso wie bei Rimbaud steht bei Genet das Außenseitertum, das Ausgestoßensein, allerdings noch einmal extremer, im Zentrum. Seine lyrischen Ichs erzählen von Qualen und Schmerzen, Schönheit und Begehren. Gefängnisse und Gefangene, der Liebe oder der Justiz, sind hier keine Seltenheit.

“Das Wasser der Einsamkeit
hält mich reglos und füllt das Gefängnis.”

Auch Sünde und Heiligkeit, Homosexualität und Körper in Lust und Gewalt, sind feste Motive in Genets (lyrischer Welt). Wer drastische und kühne, dabei durchaus mitunter blumige, Lyrik mag, der wird voll auf seine Kosten kommen. Genets Poesie zieht nicht einfach vorbei, sie fordert, rückt vor und stößt an, sprudelt über, glänzt dunkel. Mitunter ist sie unglaublich schön, dann wieder verwegen, auch dann und wann etwas überbordend. Ein besonderes literarisches Erlebnis zweifelsohne.

“Schwarzer Granitfels auf dem Wollteppich,
Eine Hand auf seiner Hüfte, höre ihn gehen.
Gehe zu der Sonne seines sündelosen Körpers,
Und streck dich ruhig aus am Rand seiner Fontäne.”

Inhalt:

Zweisprachig enthalten sind die sieben Zyklen:

La condamné à mort / DER ZUM TODE VERURTEILTE
Marche Funèbre / TRAUERMARSCH
La galère / DIE GALEERE
La parade / DIE PARADE
Un chant d’amour / EIN LIEBESGESANG
Le pêcheur du Suquet / DER FISCHER VON SUQUET
Le funambule / DER SEILTÄNZER

Ich empfehle außer Genets eigenen Werken sehr die Lektüre von Josef Winklers “Das Zöglingsheft des Jean Genet”

Zum ersten Band der neuen Jandl Werkausgabe


Ernst Jandl 1

Einmal ist die Freude so groß
dass sie die Zeit beim Genick packt
in einen Sack steckt
und in den Fluß wirft.

Das Werk Ernst Jandls ist ein wunderbarer Glücksfall für jeden Freund des Übermuts, der schnarrenden Spielerei, der gewandten Artistik und der heftigen sprachlichen Auseinandersetzung.

Im ersten Band der neuen Jandl Werkausgabe befinden sich einige seiner heftigsten und einige seiner unbekanntesten, sanftesten Schriften. Der erste, fast noch konventionelle, aber schon mit dem Übermut und der speziellen jandlschen Wachsamkeit angereicherte Gedichtband “Andere Augen” (schon der Titel sagt es) bildet den Anfang, bevor Jandls – bis ins Spätwerk hinein oft herausgefordertes, aber letztlich unerreichtes Werk – der zweite Gedichtband und sein eigentliches Debüt, “Laut und Luise” folgt, dem wir so unsterbliche Gedichte wie “schtzngrmm” oder “lichtung” und viele andere, für manche noch zu entdeckende Schätze der Wortverdrehung und der angewandten subversiven Sprachästhetik verdanken.

Auch enthalten ist der dritte Gedichtband “sprechblasen”, der die Experimente des direkten Vorgängers konzentriert und gleichzeitig auch hier und da ein wenig überspitzt und karikiert – was ebenfalls auf eine wichtige Qualität von Jandls Lyrik hinweist: sie nimmt alles sehr ernst, aber nichts nimmt sie zu ernst, auch nicht sich selbst. Was immer wieder jene schöne Ambivalenz bedingt, ohne die Jandls Lyrik mit der Zeit wohl entweder ins Gezwungene oder in die bloße Artistik abgedriftet wäre. Was aber nie geschehen ist.

Außerdem enthalten sind auch die verstreuten publizierten Gedichte aus der Zeit vor der Veröffentlichung von “Laut und Luise” und der Teil “aus ordnern und mappen”. Letzterer besteht aus unveröffentlichten Gedichten, Experimenten, Fragmenten, Ideen und nebenbei Geschriebenem. Klaus Siblewski hat ein schmales, in seiner Kürze bestechendes Nachwort verfasst, das gut in Aufbau und Inhalt einführt und auch die verstreuten und nicht publizierten Gedichte in den Kontext der drei Gedichtbände stellt.

Man kann sich hier an der ganzen Fülle und Breite von Ernst Jandls Frühwerk erfreuen – eine klare Kaufempfehlung!

 

Zu der Biographie von James Tiptree Jr. alias Alice B. Sheldon von Julie Phillips


James Tiptree Jr. Aber hinter jeder Fassade einer Alice, die »Haltung« besaß und sich anpasste, existierte eine andere Alice, die ahnte, dass das alles Schwindel war, und die sich danach sehnte, zu fliehen. Sie sagte einmal, sie habe in seelischen Krisen »eine große Schwäche für die simple Lösung – den einen, drastischen Befreiungsschlag.«

Bis heute trägt ein Science-Fiction & Fantasy-Preis ihren Namen; ein Preis, verliehen für ein Werk, welches die Geschlechterrollen untersucht und auf diesem Gebiet zu neuen Bereichen und Erkenntnissen vorstößt. Sehr passend, trägt der Preis doch nicht ihren wirklichen Namen, sondern den ihres männlichen Pseudonyms: James Tiptree Jr. (abstammend von einer Marmeladenmarke, auf die das Auge der Autorin zufällig beim Einkaufen fiel, kurz bevor sie ihre ersten Geschichten aussandte).

Alice B. Sheldon, wie sie eigentlich hieß, hatte bereits ein bewegtes Leben hinters ich, als ihre Geschichten erstmals unter dem Namen Tiptree erschienen und bald schon zahlreiche Preise und Ehrungen abräumen sollten.
Sie war aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie, mit sehr liberalen Eltern. Ihre Mutter war durch Reiseberichte zu einer kurzzeitig wohlbekannten Schriftstellerin geworden. Mit ihren Eltern bereiste sie Afrika und Europa, versuchte sich zunächst als bildende Künstlerin, schrieb immer wieder nebenher und arbeitete schließlich lange für die US-amerikanischen Nachrichtendienste, u.a. auch für die nach dem 2. Weltkrieg gegründete Central Intelligence Agency, kurz: CIA. Nach einem Psychologiestudium fand sie erst spät und auf Umwegen zu dem Genre, dass sie in kleinen Teilen revolutionieren und entscheidend weiterdenken sollte: Science Fiction.

Julie Phillips minutiöse Biographie ist eine Mammutleistung, eine bestechend-umfassendes Lebensschau, auf allen Gefühlseben und in jedem Lebensabschnitt. Die Autorin versteht es, Alice Existenz sensibel zu sezieren und vor allem ihr Innenleben hervorragend einzufangen. Sie zeigt ihre enorme Eigenwilligkeit und ihre Stärke, verschweigt aber nicht ihr Hadern und die (vor allem gegen Ende) schwierigen Lebensumstände. Es gibt Passagen, die geradezu aufwühlend sind und manchmal fließt der Text auch dahin als läse man keine Biographie, sondern die Erzählung eines erdachten Lebens; spannend und gut inszeniert.

Die (vor allem männliche, auf jeden Fall männlich dominierte) Sci-Fi-Community dachte nicht einmal daran, dass James Tiptree Jr. jemand anders als ein Mann sein könnte und so rühmten sie seine Meisterschaft im Bereich des männlichen Erzählens – es wurde als zusätzliche Errungenschaft gepriesen, dass es hier einem Mann sogar gelungen war, sehr glaubhafte Frauenfiguren zu erschaffen.
Ob Alice B. Sheldon unter ihrem eigenen Namen solche Lobeshymnen empfangen hätte? Wohl nicht zu Lebzeiten. Doch bei ihren Erzählungen, die man nur empfehlen kann, weiß zum Glück heute jeder, dass sie von einer Frau verfasst wurden. Bei Werken aus früheren Epochen hätten Zeitgenossen und Nachfolger diesen Umstand möglicherweise verschwiegen und vertuscht.

In jedem Fall: wunderbar, dass der Septime Verlag nicht nur das Werk von Sheldon/Tiptree Jr. neu aufgelegt und editiert hat, sondern auch diese Biographie. Sie ist kein Muss für Fans der Storys, aber ein großartiges Werk, wenn einen die Erzählungen und ihre Autorin faszinieren.