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Zu Friedrich Hirschls Gedichten in “Stilles Theater”


besprochen beim Signaturen-Magazin.de

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Doris Runges gesammelte Gedichte


“meine flügel ließ ich dir
du rupftest sie
für unser daunenbett
nun träume ich nachts
vom fliegen”

Still heißt nicht automatisch: sanft. Es gibt auch eine Stille, die noch wertfreier, neutraler ist, so still, dass sie schon gar nicht mehr still ist, sondern stattdessen alle Geräusche, sonst unhörbar, zulässt, hervorholt. Geräusche, die eigentlich nur Eindrücke sind, Verbindungen zwischen diesem und jenem, unter tausend oberflächlichen Stimmungen, Flexionen, Einteilungen und Tatsachen verborgen – und nur im Gedicht, in der Sprache, bekommen sie ein plötzliches, tiefgreifendes Geschick. Von dort aus erfasst die Sprache aber wiederum erstaunlicherweise auch die Neigungen unserer Wahrnehmung, füllt sie auf, bis zum Überlaufen.

“das war ein blutsturz von rosen
der heiße rücken der erde
es war ein altmodischer sommer
aus einem anderen leben
ich will nicht abschied nehmen
von dort wo ich nie war
von der tafelrunde grüner blicke”

Drei Jahrzehnte Gedichte. Bei diesem Ausmaß kann einen schon mal die Ehrfurcht packen. Doch weil es Gedichte sind, gilt: umso größer der Zeitraum, desto feiner die angesammelte Gedichtmenge im Vergleich zum Phänomen – gestreckt und doch eingefallen – der Zeit (wie Paul Valery sagte: Gedichte sind das Rauschen, nicht das Meer). Gesammelte Gedichte, sämtliche Gedichte – solche Sammlungen erreichen schließlich, wonach sich jedes Gedicht auf gewisse Weise, einzeln, sehnt: ein Loslösen von der Zeit, von Bestimmungen. Das Eingehen in den zeitlosen Raum, in dem alles, was von ihm ausgeht, eine besondere, kleine Erfahrung ist.

Während die Jahre wachsen, wächst der Dichter in sich hinein; jedes Gedicht eine Wurzel, tief in der Erde, in der all die Wendungen und Wahrheiten liegen. Mit jedem Gedicht wird der halt größer und doch ändert sich sonst nahezu nichts. Denn jedes Gedicht steht für sich, unerklärt, verdankt sein Dasein einer nicht aufzudeckenden Gleichung, welcher weder bekannte, noch unbekannte Variablen zuzuordnen sind. Und die Menge der nicht geschriebenen Gedichte ist im Vergleich zu jeder Ansammlung einzelner Poesien so groß, das Verhältnis zwischen diesen beiden Mengen so ungewiss, dass jedes Gedicht, jede weitere Seite in so einer Sammlung, einem Geschenk gleicht, in welchem die Loslösung vom Nichts noch enthalten ist.

“licht aus
belaubtem stein
heiter
wie jenseitig”

Warum dies alles zu Doris Runges Gedichten schreiben, Gedichte, die mehr Wegstreifen, Gräsertau, Fächerlicht und flüchtige Instanzen sind, als Werke mit großer Epik? Nun, da mag ich jetzt scheitern, wenn ich diese Frage mit Worten aus meiner Hand beantworten will und nicht einfach sagen kann: Lesen sie diesen Band. Das mich diese Gedichte zu den obigen Auslassungen inspiriert haben, mag vielleicht niemanden für diese Texte gewinnen – was aber sonst? Eine Erörterung, eine Hinterfragung? Eintausend Zitate?

Nun, ein kleiner, weiterer Versuch kann sicher nicht schaden. Ansonsten nehme man einfach zur Kenntnis, dass die Gedichte ihre anfängliche Unscheinbarkeit sehr schnell in das genaue Gegenteil kehren: in eine flüchtige Essenz, die Tatsachen und Dinge überragt, wie ein einziger, kühner Moment alle Möglichkeiten zu überragen pflegt.

“gras
wie grün den toten
das haar wächst
für den wind”

In Doris Runges Gedichten spielt die Natur, die heimatliche, eine große Rolle, zweifellos. Auch das Vergehen und das Bleiben, wie es jeden Dichter beschäftigt, hat seinen festen Platz, in Kombination mit Liebe oder einfach nur wenn es um Zustände geht, um Fragen und vermeintliche Antworten (wobei jede neue Frage eine Antwort wie nichts erscheinen lassen kann, eine Antwort sich jedoch mit jeder Frage schwertut – auf diesem Gebiet, so scheint es oft, kann gerade die Lyrik aber noch etwas vollbringen).
Und dann als Hauptelement ist natürlich: das nicht abzustreifende Bild, die Impression, das, was Poesie vordergründig zusammenhält und ausmacht, die Wendungen, mit denen Dichter Realität in Sprache überspielen, in einen Klang, wobei die Realität durch die Sprache hindurch gewinnt.

Aber da ist – vor all dem, in all dem – vor allem eins: Kürze. Kaum ein Gedicht ist länger als eine Seite. Kaum eine Zeile länger als ein kurzer Satz. Und wie ein Blatt an einem Ast, ein Grashalm, steht die Sprache, stehen die Gedichte von Doris Runge niemals still. Weiter, weiter, flüstert es darin, ein Weiter, das jedoch nicht schneller wird. Eindrücke, vorherrschend, wie Wind und Lichtstrahlen und alles was sie einfangen, in Bewegung halten. Aber diese Bewegungen bleiben Stille.

Und eine weitere Schicht wird erkennbar: das taxierende, das bestimmende Element, das Bilder und Natürlichkeit, Assoziationen und Wendungen wie Hüte, tief ins Gesicht gezogen, trägt; fast wie eine Maske.

Im Wind der Sprache also gleichsam die Bewegung der Flagge, das Erhabene und das Klirren der Stange, das “andere” – in unnachahmlicher Symmetrie und Symbiose. Kaum mehr, fast nichts anderes. Aber dies auf so viele Spielweisen, in so vielen Untiefen und Dasein, dass es wie ein breiter Raum voll unzähliger Lichtstrahlen wirkt. Wie große Kunst.

“mein liebster
diesseitger
engel

bald werde ich
fliegen
bald ist der fisch
mein schatten”

Und darin: diese Bilder, diese Filigranität, diese Zärtlichkeit. Wie ohne Gedanken tauchen die Gedichte auf, sie denken nicht, sie sind, ein Vollzug der kleinsten Welt. Würde man ihre kleinen Wunder Gedanken nennen, wäre das eine eindeutig Abstufung.

Es gibt Bücher, um sie ans Herz zu pressen, um sie eines Tages zu lesen und diesen Tag zu vergessen, aber das Lesen nicht, als hätte das Lesen den Tag vereinnahmt und überdauert, nunmehr ewig in seinem Wesensgehäuse. Dieses Buch empfinde ich als ein solches Erlebnis. Man muss die Texte wie kleine, komprimierte Elegien lesen, nicht zu rasch, auf keinen Fall zu hastig. Hier heben Bäume ihre “blutgescheuerten geweihe”, hier “wärmt haut wie tee/ in kleinen Schlucken”, hier gibt es keine Stopptaste, nur die Musik, abgeschaltet, die sich in der Welt noch eine Weile fortsetzt. Gedichte, sehr nah am Verschwinden – und knapp davor – triffst du endlich mit ihnen zusammen.

“rauch
wer oder was
wird geopfert
was schleicht sich ein
was geht vorbei
was radelt mit
blattgold
in den speichen
war das
die zeit”

Anna Achmatowa – Gedichte aus “Im Spiegelland”


spiegelland   “Wie tief im Brunnen weiße Steine liegen,
Liegt ein Erinnern tief in meinem Herzen.
Ich kann nicht und ich will es nicht bekriegen:
Es bringt mir Freude und es bringt mir Schmerzen.”

Die russische Dichtung des 20. Jahrhunderts kennt viele große Namen, von denen sich viele auch untereinander kannten und gegenseitig inspiriert haben und selbst ihre Schicksale weisen ähnliche Komponenten auf, darunter oftmals Exil, Lagerhaft, Bespitzlung, Schreibverbot und sogar Ermordung. Die Grande Dame dieser verlorenen Generation russischer Dichter (das als silbernes Zeitalter gilt – das goldene war die Zeit von Puschkin) war ohne Zweifel die Dichterin Anna Achmatowa, deren Schicksal es war, die meisten ihrer Freunde und Zeitgenossen um manchmal viele Jahre zu überleben. So Mandelstam und Zwetajewa, aber auch Pasternak und Alexander Blok.

“Die einen Scherzen in der Nacht und küssen,
Die andern trinken, bis der Tag anbricht.
Mit mir verhandelt nächtens mein Gewissen,
Das klar und unerbittlich zu mir spricht.

Ich sag zu ihm: Wie lang soll ich noch tragen
Die Last von dem, was längst Vergangenheit?
Doch es erwidert: So darfst du nicht fragen,
Denn weder Raum gibt es für mich noch Zeit.”

Nachdem sie vor der Revolution (1912-1917) bereits einige Bände mit Liebes- und anderen Gedichten veröffentlicht hatte, wurde sie in Sowjetrussland schnell mit einem Publikationsverbot belegt (1923). Ihre bereits geschriebenen Verse überlebten die lange Zeit des auferlegten Schweigegebots – das, bis auf winzige Ausnahmen, bis zu Stalins Tod (1953) gelten sollte – vor allem dank ihrer Eingängigkeit und Lebensnähe in den Köpfen der Menschen; ihre Gedichte erreichten teilweise eine große Sprichwörtlichkeit.

Dieser Traum eines jeden Dichters, er war für Achmatowa gleichsam ein Alptraum, aus der düsteren Quelle der Umstände gespeist. Dieser Zwiespalt überschattete ihr ganzes Leben, auch nachdem sie wieder publizieren konnte und findet sich auch als wiederkehrendes, unterschwelliges Motiv, als eine Stimmung von Grau, in ihren späten Versen wieder.

“Verließ’ uns schlichtes Fühlen, frisches Wort –
Wär’s nicht als nähm’ dem Maler man das Sehen,
Dem Schauspieler das Sprechen und das Gehen,
Und einer schönen Frau die Schönheit fort?

Doch such nicht zu behalten deinerseits
Die Gaben, die der Himmel dir verliehen:
Wir sind verdammt – wir wissen es – zum Blühen
Und zur Verschwendung – nicht zum Geiz.”

Schlicht, bisweilen mit einem Anflug Spott, und auch manchmal nahe am Schmachten, Verzieren und Verzehren, doch eigentlich immer nur leicht bewegt, nur träumend oder weisend, kommen ihre Verse daher; ihr lyrisches Credo ist eine dünner Frist, die auf alle Worte gestrichen ist. Spürbar, unter der Oberfläche, liegen darin Sehnsucht, Abneigung, Angst und Furcht: glattgestrichen; weder Feuer, noch Eis, sondern eher Rauch, Brunnenplätschern, Schifffahrtswellen, die ungefähren Wesenheiten ihrer Dichtung. Blinzelnd vor dem Aufragen und Verschwinden betonen sie das Flüchtige, aber auch das Bleibende, das Matt-werdende.

Ihre Liebesgedichte sind heute noch lesenswert; im Spätwerk sind es jene Verse, die sich um das Schicksal drehen, ihre eigenen Händel mit dem Staat (ihr Sohn saß über 15 Jahre in einem Lager, manchmal drohte ihm sogar die Exekution) und die Portraits der Personen, Dichter und Denker, die sie schätzte, dazu die Gedicht-Zyklen und die vielen, meist unbetitelten, nach innen gekehrten Beobachtungen und Betrachtungen; letztere schwanken oft zwischen vollendeter und angeknackster Beherrschung.

“Aus Stein scheint des Himmels Bogen,
Verwundet von gelbem Glühn.
Oh, sei mir endlich gewogen,
Send ein einziges Wort über ihn.

Der mit Tau Du benetzest die Triebe,
Beleb mit der Kunde mein Herz –
Nicht für Leidenschaften und Scherz,
Für die große irdische Liebe.”

Liebe, Liebe, als ein Ding, so groß wie eine Welt, aber so abgewandt und versunken wie deren tiefste Schluchten und entlegenste Gegenden – und doch auch wieder schön; ein magischer, unfehlbarer Fall. Kaum ein Dichter hat die Liebe in so ambivalente, entsprechende und gleichsam schlichte, in so tiefe und doch so unbewegte Verse gekleidet, wie Anna Achmatowa. Jedes der Gedichte über diese Thema hat seinen eigenen Herzschlag, seine eigene Vorstellung von der Liebe, aus der Momentaufnahme der damaligen Empfindung entsprungen und wie darin gefangen; die Atmosphären in diesen Zeilen können sanft wie Wasser oder schwer wie Brokat sein, aber immer sind sie Oberfläche und Inhalt zugleich – ein schwieriger Balanceakt und ein sehr kontrastiertes Leseerlebnis.

“O zerknülle nicht, Liebster, mein Schreiben.
Nein, mein Freund, ließ es bis zum Schluss.
Ich bin’s Leid, dass ich unbekannt bleiben,
Stets die Fremde dir bleiben muss.
[…]
Dieses Lächeln schenk bewahr ich mir,
Das die Lippen kaum sichtbar bewegt;
Liebe selbst hat es in mich gelegt,
Und ich schenke es keinem als dir.”

Wenig Licht herrscht in diesen Gedichten, viel Dunkelheit, aber eine Dunkelheit, die wiederum viele ferne Lichtquellen auf sich zieht wie Sterne; als wäre sie Wein, auf den man blickt, während die Lichter eines Saales sich auf Glas und Flüssigkeit brechen und spiegeln.

“Unausgesprochene Sätze
Und Worte, nie gesagt.
Die Blicke, die sich nicht trafen,
Wissen nicht wohin.”

Man kann es heikel nennen, Gedichte aus einer Sprache (und dann noch aus der russischen Sprache, die sehr viel mehr natürliche Reime und vielfältigere Kadenzen kennt als die deutsche) in eine andere zu übertragen und dabei den Reim halten zu wollen. Immerhin hat diese Ausgabe insofern einen interessanten Mittelweg gefunden, dass sie ab und an mehrere (von 2 bis manchmal 4) Varianten einer Übersetzungen anbietet (jedoch alle gereimt).

Ansonsten ist es, im Falle von Anna Achmatowa, auf jeden Fall das kleinere Übel, denn ihre Lyrik lebt elementar von Reimen, von dem Kranz- und Kreischarakter des Verses, der sich in seinen Windungen immer wieder mit dem Ursprung verbindet. Das mag im Deutschen manchmal etwas herunterkonstruiert wirken, hat aber auch den Vorteil, dass man, trotz der Komplexität, die manchmal in der Einfachheit von ihren Zeilen liegt, über den Rhythmus und Klang doch leichter Zugang zu ihren Werken erhält.

“Weil er den Rauch Laokoon verglichen,
Die Distel an der Friedhofswand besang,
Weil alles seinem neuen Klang gewichen,
Mit dem er einen neuen Raum errang,

Ward er belohnt mit kindlichem Erfassen,
Mit der Gestirne weitem, scharfem Blick,
Die Erde ward als Erbteil im gelassen,
Doch er gab allen andern sie zurück.”
(Aus einem Gedicht über Pasternak)

Anna Achmatowa zu lesen hat viel mit Wiederlesen, mit Genaulesen und auch mit Empathie zu tun. Doch es steckt einfach auch eine Größe in ihr, unübersehbar, gleich einem riesigen Schiff, welches glatt, schwarz und langsam durch eine Landschaft in einen Hafen einfährt, vielleicht umjubelt, aber selber still, bis auf das leise Rauschen der Schiffsschraube. Innerliche und doch auch nach außen getragene Größe und aufrechte Haltung, hinter der die zarte Sehnsucht schlägt wie das Herz eines Wurmes im Kerngehäuse des Apfels. Man spürt den Herzschlag in den Zeilen.

“Man gräme sich nicht so unendlich
Und sei nicht so verschlossen, o nein! –
Um denen, die leben, verständlich
Und angelweit offen zu sein.
[…]
Das wenige, was uns gegeben,
Ist eng von der Zeit umzäunt,
Doch er wird unwandelbar leben,
Des Dichters verborgener Freund.”
(Aus einem Gedicht über den Leser)

Zur gesammelten Poesie Robert Walsers – “Schnee liegt vergnügt auf allen Dächern/ wie längst vergeßne Brief in Fächern”


“Auf deinem Gesicht
sei zu lesen, dass dich alles so viel
angeht wie das Liebste.”

Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser gehört zu den eigenwilligen Unikaten der deutschen Literatur. Vom Märchenrand schauend, auch ein bisschen nach Bruderleichtfußfasson, doch immer wieder mit einem präzisen Blick für das Leben, seine Stolpersteine, Furten und Tiefen, ist dieser Dichter und Denker bis heute ein Beweis dafür, dass das ganze Werk eines großen Autoren, dessen profane/weltliche Erfahrungen ja auf derselben Welt beruhen in der auch wir leben, immer dazu neigt, die kleinsten Dinge der gemeinsamen Welt zu benennen, zu erklären und vor Augen zu führen. Auf ihn trifft das sogar noch stärker zu. Denn Walser ist der Dichter der kleinen Dinge, der kleinen Gefühle, der kleinen Offenbarungen.

“Mehr brauch ich wohl kaum zu sagen,
weil, was beizufügen wäre,
schließlich sich von selber sagt.”

Dies könnte die Philosophie von Walsers Dichtungen in Prosa und in Lyrik sein. Mit einfachen Worten, wie mit einfachen Farben, schuf er Prosagemälde, die einer schlichten Photographie von ein paar Augenblicken gleichen; seine Geschichten nähern sich dem Märchen an, beschreiben Momente, fassen Kurzfilme der Lebenswirklichkeit zusammen. Eigentlich ist seine Prosa schon fast Gedicht.

Was passiert nun, wenn einer, der in Prosa dichtet, auch Lyrik schreibt? Der Unterschied, kann für ihn wahrlich fast nur darin bestehen, seinen Schöpfungen zusätzlich den Reim aufzuerlegen, um den formalen Prinzipien eines (damaligen) Gedichtes gerecht zu werden, die Prosa von der Poesie zu trennen.

Und so muten die Hälfte der dichterischen Versuche in seinem Gedichtwerk leider an wie eine Arbeit, in der die vorgegebene Form dem Inhalt übergeordnet – nie eine gute Lösung. So erinnern gerade die frühen und auch manche der späten Gedichte Walsers an die ziemlich gewollten, unglücklichen Reime, die man selbst einmal schmiedete: holprig, diszipliniert in der Verwendung des Reimes, aber ansonsten ohne irgendeine Disziplin oder filigrane Anpassung.
So heißt es am Ende eines Gedichts über Adalbert

“Der Schreiber, Schrifter,
ist Adalbert Stifter,
heut’ noch in die Seele trifft er!”

Sicher ist in diesen lyrischen Scharaden, die sich meist in der Form aa bb cc etc. reimen, an Begeisterung und Enthusiasmus kein Mangel. Aber die Schönheit der Verse leidet unter dem Reimzwang und der daraus resultierenden leichten Dilettanz, welche ihre Erscheinung somit in sich trägt.

Ich schätze Walser, weil er in seinen besten Prosa- und Lyrikwerken das Element eines Moments, beinahe das Gefühl eines Ortes, einer Situation oder einer natürlichen Regung wiedergeben kann und sich nicht scheut Romantisches und Schönes in der Alltagswelt zu entdecken. Seine betrachtenden Gesänge an Schnee und Wald, Frauen und Gemälde, sind von dem Übermut getragen, welche die Jugend oft beim Dichten befeuert – doch Walser hat nie wirklich, auch nicht mit 50, Abschied von dieser kindlichen Freude genommen, wenn sie sich auch etwas abgestuft hat und teilweise auch zu filigraneren Kunstwerken führte. Manchmal bringt sie einen solchen Satz über Stifter zu Tage, manchmal ein wunderbares Naturgedicht oder ein paar süße Zeilen wie diese:

“Entzieh’ mir nimmer,
deinen goldenen Schimmer,
du wundersames, süßes, freches Frauenzimmer.”

Zeilen, bei denen man seine poetische Vorsicht fallenlässt und lächeln muss.

“Wie geisterhaft im Sinken
und Steigen ist mein Leben.
Stets seh’ ich mich mir winken,
dem Winkenden entschweben.

Ich seh mich als Gelächter,
als tiefe Trauer wieder,
als wilden Redeflechter;
doch alles dies sinkt nieder.

Und ist zu allen Zeiten
wohl niemals Recht gewesen.
Ich bin vergeßne Weiten
zu wandern auserlesen”

In diesem Gedicht (übrigens einem frühen) hat Walser auf wunderbare unverbale Weise das Leben eingefangen, zugleich aber auch wohl in den letzten Zeilen sein Werk sehr richtig beurteilt. Ja, Robert Walser ist kein Autor, den man mit Spannung, mit ästhetischer Hochachtung oder gar kritisch liest. Als Dichter, wie als Prosaautor, bleibt er ein Streifender, ein mit kleinen Bildern angefüllter Atem. “Alles ist vergänglich”, ruft er uns zu – und zugleich: “Aber das jetzt, dies hier, habe ich einen Moment lang festgehalten.” Er ist ein Dichter für die Mußestunden, in denen man sich Zerstreuen und zugleich Besinnen will, auf schlichte Weise. Dies macht seine Dichtung etwas einsam, aber eben auch einzigartig.

“Denn Schnei’n erinnert an das lose,
prickelnde Sichentblättern einer Rose.”

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