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Gedanken zur Eröffnungsrede von Thomas Kunst beim Lyrikpreis Meran und zur deutschen Lyrikszene


 

Publiziert wurde mein kurzer Essay beim Signaturen-Magazin (dort auch ein Verweis auf die Original-Rede).

Zu Lily Kings Roman “Euphoria”


Die wenigen klassischen Motive in den Erzählungen des Abendlandes: Tod & Sex (unumgänglich an das Moralische gebunden, gerne mit einem Schuldmotiv verknüpft), die Spannung zwischen Fremdem und Eigenem (Lebenseinstellung & Bewältigungsarten), das Wissen und die Unwissenheit, der Kampf (oder eher: die Gewalt), Gut und Böse, Vertrauen und Verrat (Anziehung und Enttäuschung) und schließlich das Gefühl, die Vernunft und das Selbst als eine Dreieinigkeit aller Figuren. Alle diese Motive sind natürlich eng miteinander verwoben, überschneiden sich häufig um neue Facetten zu bilden und das Ganze ließe sich weiter herunterbrechen oder auch noch breiter einteilen.

Die mögliche Umgebung, der Raum für diese zentralen Motive, ist nicht mehr und nicht weniger als das Universum, mit allem was in seiner Breite existiert(e) und zusätzlich allem, was man sich in/zu ihm ausdenken kann. Jede Umgebung in einem Roman (ob historisch oder geographisch oder beides) ist bestimmt durch einige Aspekte, die untermalend wirken können oder zu wesentlichen Konfliktpunkten in der Handlung werden. Jeder Roman muss in die Motive und die Umgebung die er wählt, seine Figuren weben, und daraus entstehen lassen, was wir Erzählung, Geschichte nennen; doch ist der Roman noch etwas mehr als die Summe seiner Teile, nicht bloß Geschichte, hinter der Motive stehen und nicht nur Motive, die in einer Geschichte lebendig werden. Der Roman ist die Komposition, in der sowohl die Motive als auch die Geschichte nie ein Monopol innerhalb der Leseerfahrung erlangen können und dürfen; das Ganze ist an die Dualität dieser Elemente gebunden, die (ähnlich wie im Leben die Dualität von Handlung (Entscheidung) und Geschehen) nie komplett aufgeschlüsselt oder aufgelöst werden kann.

In „Euphoria“ breitet Lily King ein Drama um eine Dreierkonstellation, nebst der Charaktererforschung (von Menschen und Ethnien), aus, gekleidet in ein halbhistorisches Gewand (welches manchmal gut, manchmal etwas zu bemüht unterstrichen wird, indem mal kurz, am Rande, einige Ereignisse des jeweiligen Jahres erwähnt werden). Die Geschichte spielt fast die ganze Zeit (von Rückblicken abgesehen) auf der südpazifischen Insel Neuguinea, eine Kulisse, die nicht überstrapaziert wird und die Handlung sehr gut umgibt. Alle drei Hauptpersonen sind Ethnologen und hierhergekommen um die Völker am Fluss Sepik zu erforschen, die zu dieser Zeit (30er Jahre des 20. Jahrhunderts) bis auf wenige Kontakte noch recht abgeschieden von der Zivilisation leben. Das Buch wird aus der Perspektive des dritten Forschers, der zu den anderen beiden (einem Ehepaar) dazu stößt, erzählt; dann und wann gibt es kleinere Kapitel mit Tagebucheinträgen der Frau.

Der lange Exkurs über Motive zu Anfang dieser Rezension rührt daher, dass ich finde, dass King in dem Roman ihre Motive nicht gut ausbalanciert hat. Man sollte in der Kunst immer auf das Gelungene eingehen und auch auf dieser Seite gibt es bei Lily King viel zu finden: gut recherchierte und aufgemachte Umgebung, faszinierendes Setting, vielfältige Konfliktpotenziale und Themen. Doch trotzdem wirken andere, widerkehrende Elemente, wie etwa der Kindeswunsch, die Rituale der Eingeborenen, die Spannung zwischen den Eheleuten, der Mutterkomplex, die toten Brüder, die Kriege, das Schreiben, sowie das Mysterium, welches die Arbeit des Ethnologen umgibt, noch nicht ganz ausgereift, nicht ganz wie aus Fleisch und Blut. Nun könnte man argumentieren, dass es nur realistisch ist, dass vieles (zumal man die Geschichte nur durch die Augen einer Figur sieht) unklar und entlegen, unabgeschlossen und verschwommen bleibt und eine allzu runde Darstellung dem Roman die Nähe zum Leben nehmen würden und daher nicht jedes Motiv ausgeführt werden muss, sondern unter der Oberfläche bedacht werden kann.

Dennoch entstand bei mir nach der Lektüre (das Buch ließ sich sehr zügig dahinlesen) ein unguter Nachgeschmack. Irgendwie war das Ganze zu einfach, vom konfliktbeschwörenden Anfang bis zum von Schuld aufgeladenen Ende. Vieles von der Geschichte war während des Lesens widerstandslos in mich hineingeglitten, aber am Ende blieb wenig übrig, von den Figuren, den Völkern, dem Hintergrund und Vordergrund der Erzählung. Ich hatte das ungute Gefühl einen Roman konsumiert zu haben, der so geschrieben war, dass er keinen Moment langweilig, schwierig oder zu fixiert wirkte, dabei aber aus den Augen verlor, wie er hätte anecken, seine Figuren vertiefen und seine Perspektive hätte wandeln oder neu ansetzen können.

Die Perspektive, auch so ein Problem. Es ist eine sehr legitime und interessante Entscheidung die Geschichte aus der Sicht einer Person zu erzählen; es ergeben sich Möglichkeiten für Zwischentöne, Interpretationen des Lesers, die von den Betrachtungen des Protagonisten abweichen, einfach, weil er dessen Perspektive reflektiert und noch anderes. In “Euphoria” wirkt diese Entscheidung allerdings manchmal etwas unglücklich, um nicht zu sagen hinderlich. Es fehlt an Reibungsflächen, da der gewählte Protagonist oft zaudert und in seiner meist beobachtenden Position wie ein vielwissender Erzähler wirken kann, bevor einem wieder seine beschränkte Perspektive bewusst wird, meist dann, wenn etwas interessantes aufkommen könnte. Anders gesagt: die Möglichkeiten dieser Perspektive wären viel größer gewesen als in der Umsetzung geschehen.

Viel, was ich in dieser Rezension angesprochen habe, mag Geschmackssache sein. Alles in allem ist “Euphoria” ein gut geschriebener und faszinierender Roman; was ihm meiner Meinung nach fehlt ist ein Funke, ein Ausbrechen, eine Potenzierung seiner Anlagen. Es ist ein solides Buch, dass sich immer wieder erdet und nichts riskiert, dass den Mut zu mehr Länge, Material und Epik hätte aufbringen müssen. Für eine Novelle oder Erzählung ist es zu sehr ein Roman; für einen Roman ein Schwimmen in einem flachen, zu kleinen Gewässer. Man kann das Buch gut konsumieren; festsetzen wird es sich aber kaum.

“Sommer vor den Mauern” von Nora Bossong


“Die Vögel in den Bäumen ich nenne sie Krähen
jemand sagt Drosseln sagt Spatzen unfassbar
wie weit man bisweilen mit Worten reicht.”

2012 ging der begehrte Peter-Huchel-Preis für Lyrik an die deutsche Dichterin Nora Bossong für ihren Gedichtband “Sommer vor den Mauern”. Dass der Band, als zweiter Gedichtband der Autorin, bereits in der Hanser Lyrik Edition erschien, war schon etwas Besonderes – der Preis, könnte man sagen, zeichnete ihn nun endgültig aus.
Der argentinischen Dichter und Essayist Jorge Luis Borges sagte einmal: “Die Europäer meinen, dass ein Buch, das einen Preis bekommen hat, gut sein muss. Der Argentinier gibt zu, dass es, trotz des Preises, nicht unbedingt schlecht sein muss.” Ein Zitat, dass auch die Europäer bedenken sollten.

Zu Anfang der Lektüre erscheinen die Gedichte Bossongs überraschend unscheinbar. Natürlich geht es nicht darum, immer sprachliches Konfetti zu werfen, sondern es tatsächlich lieber genau im richtigen Moment zu tun. Trotzdem: die Art, die Richtung, in welche sich die Texte formal bewegen, hat etwas Unverstelltes und ihre leicht gedämmte Filigranarbeit ist nicht das Problem. Nur geraten leider viele Gedichte (vor allem die in den ersten zwei Abschnitten) dank unscharfer Relationen und sprachlicher Bodenturnübungen, allzu leicht zu reinen Beobachtungscocktails – auch wenn sie noch so hehren Themen gewidmet sind. Möglicherweise hat diese Art der Darstellung eine Bezugstiefe, die mir entgangen ist und ich will nicht endgültig urteilen, aber die Wirkung bleibt bescheiden.

“Wache ich auf in diesem
Botanikerlicht, die Bilder
wachsen dichter um mich.
Ich habe mich ihnen ausgesetzt,
nur wer erklärt mir, wie was
und woran zu bestimmen ist?”

Wenig unwillkürliche Transparenz schafft Raum für tiefer gehende Ideen, für ein Geschehen unterhalb der funkelnden Hülle des Gedichts, ist aber auch keine Garantie für Tiefe.

Insgesamt kann man, sachlich, über den Gedichtband sagen, dass er sehr thematisch ausgelegt ist. Die Kapitel (Acht an der Zahl) reihen bestimmte Gruppen von Gedichten, die z.B. alle in Amerika entstanden sind. Ein Abschnitt, den ich für den gelungensten halte, beschäftigt sich mit den jüngsten 10 Päpsten (den amtierenden natürlich ausgeschlossen); in lyrischen Situationsaufnahmen, angefüllt mit historischen Einzelheiten und Eigenwilligkeiten der 10 Pontifexe, schafft Nora Bossang auf sehr elegante Weise eine Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und -metaphorik, mit teilweise eigenwilligen Darstellungen. Diese Gedichte sind ehrlich, auch in ihren Bezügen (hinten im Band nachgewiesen) – und trotz der thematischen Grenzen ist die Freiheit in den Ausformungen und die sprachliche Auslegung so exakt und virtuos manifestiert, dass man wirklich eine Spur von Vollendung darin spürt.

“Auf einer Brücke stritten Kinder
um einen Schuhkarton, graue Pappe,
aus dessen Innerem ein Klirren drang,
als spielte die Dreieinigkeit mit ihren zarten Engeln
kegeln.”

Dagegen haben viele andere Gedichte diese, halbhaltlose, Suche in sich, zwischen Thema und Ausdruck. Auch dabei gelingen großartige Abbildungen, die innerlich eine nicht zu fassende Frequenz der Realität andeuten und bebildern und was durchscheint hat etwas ganz und gar Untransformiertes, Nahes. Aber zu oft scheint der reine Reiz der Texte in der Gedichtwerdung bestimmter Tatsachen, Orte oder Wesenheiten zu liegen und nicht in ihrem lyrischen Potential, das manchmal auch noch bewusst unterdrückt zu werden scheint, um die elitären Gewänder nicht zu verlieren. Dabei zeigt sich, wie ich finde, im Textausschnitt mit den Engeln, dass gerade eine kleine, kompromisslose Überwindung beeindruckend sein kann. Einfach, weil Gedichte auch etwas brauchen, was sie dimensional macht. Und da ist eigentlich nichts besser, als eine kleine sprachliche Erhöhung (die natürlich nicht plump einen Großteil oder das ganze Gedicht ausmachen sollte!)

“Beim Öffnen des Fensters
ein Windstoß aus Laub und vereister
Verkündigung, schnippe sie fort
aus diesem Gehege.[…]
Die Ewigkeit der Vororte.
Morgens wieder Sonnenaufgang, unwirklich,
einzustufen in die Kirchenfensterreihe,
rötliches Inkarnat. Wunsch, in die Höhe
zu fallen.”

Ich zweifle nicht an Nora Bossongs Talent und nach mehrmaligem Lesen ist mir natürlich auch der ein oder andere unbewusste Fehler meinerseits aufgefallen. Einige Gedichte sind einfach in sich selbst irgendwie bestechend, zum Beispiel das Gedicht über Mussolini und seine Geliebte, die von Partisanen tot an einer Tankstelle kopfüber zusammen aufgehängt wurden; es beschreibt diese Szenerie und unseren heutigen Blick darauf und endet dann mit dem furchtbar genialen Satz: “und wir, zwei dahergelaufene Zeugen,/ wissen wir denn, was Liebe war.”

Eine großartige, den Rahmen einer Erklärung sprengende, sprachliche Geste, unwillkürlich und genau zwischen allen Gesetzen der Ansicht, allein in der Wirklichkeit dieser Betrachtung liegend. Und es gibt natürlich noch mehr davon, vieles was Nora Bossong als große Lyrikerin auszeichnet. Und vielleicht ist letztlich jeder Vorbehalt ein Vorbehalt aus der Neigung heraus, kritisch zu sein, statt zu akzeptieren, dass man sich vielleicht die Idee jedes Gedichtes nicht ganz erschließen kann. So möchte ich denn am Ende sagen, dass ich Nora Bossong durchaus zutraue, dass in jedem ihrer Gedichte ein zu erfahrender Zusammenhang liegt. Und auch wenn ihre Betrachtungen allgemein etwas Verfremdetes haben, liegt gerade in dieser Verfremdung, wenn man aufpasst, ein ungeahnter Zusammenschluss verschiedener Formen von konzentrischer Wirklichkeit.

Zu Björn Kuhligks “Großes Kino”


“Der Weg nahm die Route, und oben
stand der Mond, eine Form, die aussah
als wäre jemand dagegengelaufen

einer drückte aufs Pedal und
überholte und spulte andere Musik
in den Augen lief die Landschaft ab”

Deutsche Lyrik der Gegenwart – ein unsicheres Terrain, voller Spezifikationen, Wortklauberei und Insiderdivisen. Lyrik hat die Aufgabe, die Wirklichkeit nicht nur zu repräsentieren, sondern sie aufzufinden, zu definieren, zu lieben, sie zu verdeutlichen, und soweit in die Wirklichkeit hineinzugehen, wie nur die Sprache es kann. Genau so weit. Die Wirklichkeit abzubilden aus einem sprachlichen Winkel, zu dem es sonst keinen Zugang gibt, den wir aber sofort annehmen können, weil sich darin das Ich und die Welt übereinander schieben, weil sie sich darin einig sind.

In der Moderne hat die Lyrik nun schon weite Wege in die Wirklichkeit hinein getan. So weit, dass der Ausgangspunkt oft kaum mehr zu greifen ist oder nur noch flüchtig, ansatzweise. Oft liegt ihr Gehalt nun zwischen Sprache und Wirklichkeit, als etwas, dass man von beiden Seiten aus aufheben kann – oder dass sich gegenseitig aufhebt. Björn Kuhligk ist von diesem Phänomen nicht ausgenommen, auch wenn er keine wirklich experimentelle Lyrik betreibt. Er schreibt formal sehr einfache Gedichte; doch auch in seinen Versen sitzt so etwas wie sprachliche Blendung.

“am Mittag ist das Meer eine sanfte Plane,
die Sonne brettert runter, die Möwen stehn
getroffen auf den Molen, in den Gärten
sind die Bäume windgewachsen”

Manche Bilder sind wiederum einfach toll. Aber auch hier muss man sagen, dass dieses Bilder malen bei Kuhligk immer lakonisch, abgewandt wirkt, als würde es nicht zählen. Was zählt dann?, fragt man sich, hält Ausschau, aber da ist nicht mehr viel. Wenn ich von “sprachlicher Blendung” spreche, dann meine ich die oft auftretenden Sentenzen, bei denen man keinen Fuß in die Tür bekommt, wo es so wirkt, als würde die Sprache einfach vorbeilaufen, grußlos, wortlos; als gäbe es nichts zu sagen und wenn man hinsieht, kann man doch nicht sehen, was da stehen soll, was das heißen soll.

Die einfache, sich nicht durch Füllmaterial behauptende Lebenswirklichkeit? Nein, dafür ist Kuhligk dann doch wieder zu sehr Ästhet und hier und da in das haptische formulieren vernarrt.

Man kann natürlich sagen, dass die Abgewandheit das Konzept ist. Das vermittelt zumindest der vorherrschende Ton innerhalb der Gedichte – ein Ton der schlicht sagt: was sonst? Das ist die Wirklichkeit, abgebildet – was sonst?

“Und morgens steht sie nackt
am Fenster, etwas Banales
etwas Göttliches, und sieht
die Gegenwart, wie die sich
unten auf der Straße bemüht
[…]
am liebsten beendet sie ihre Sätze
mit: >>kannst du mir folgen?<<
sie lacht nicht oft, doch manchmal
lächelt sie versteckt, am schönsten
redet sie, wenns regnet”

Wollte man den Band kurz zusammenfassen, würde man von kommentarlosen Gedichten sprechen; Gedichten, die alle für sich stehen, aufgangslos, aber mit guten Abgängen. Hier und da mal eine Regung in die eine oder andere Richtung, aber es bleibt ein eher stoisches Erlebnis, mit kleinen Emotionen, die sich hier und da zeigen. Dafür einige wirklich gelungene Bilder und Darstellungen. Gerade die Portraits in Teil 1 und die Ansichten in Teil 4.

“Während des Freitagsgebets
die kopftuchgebückten Frauen
auf den Feldern, von den Minaretten
fallen die Worte wie Ringe um die Häuser”

In den anderen Teilen streckt sich das Lesen etwas. Manchmal bekommt man den Sinn eines Gedichtes, (mal abgesehen von der Tatsache, dass es Sprache mit einem nebulösen Umstand zusammenführt) nicht zu Gesicht. Insgesamt ein Gedichtband ohne wirkliche Höhepunkte, filigran, ambitioniert, aber nicht groß, erst recht kein großes Kino. Gedichte – was sonst?