Kleine Replik zu Kafkas “Amerika”

Der 15 jährige Karl Rossmann wird von seiner Familie nach Amerika geschickt, da er von einem Dienstmädchen verführt worden war, welche darauf ein Kind von ihm bekommen hatte. Dieser Romananfang ist trügerisch – es könnte auch der Anfang eines schelmischen, bürgerlichen Werks sein. Dabei ist es der Beginn einer der vertracktesten, düstersten Aufenthalt in imaginären Welten, dabei aber nicht offensichtlich grässlich oder grausam, schrecklich oder grotesk, nein, all dies wurde nur minimal eingerührt und ergibt eine trübe, fast melancholische Suite aus Hoffnung und Abgesang.

Kaum legt Karls Schiff in New York an, ist Karl bereits mit dem Heizer des Schiffes bekannt, für den er sich einsetzt, da der Heizer versichert, schlecht behandelt worden zu sein. Bei der anschließenden Debatte mit dem Kapitän und einigen anderen, stellt sich heraus, dass einer von ihnen Karls Onkel ist. Dieser nimmt ihn sofort mit sich und lässt in bei sich wohnen. Der talentierte Karl lernt Englisch und Reiten und unternimmt eines Abends einen Ausflug auf ein Landhaus, welches dem Freund seines Onkels gehört. Dort erfährt er, dass sein Onkel nicht will, dass er zurückkommt, wieder haben die Gründe etwas Endgültiges, Absichtliches und doch Nebulöses. Karl ergibt sich in sein Schicksal und ist entschlossen selbst voranzukommen, auch wenn alle Welt, alle Heimat für ihn nun endgültig unerreichbar scheint.

Er wird von zwei Gesellen namens Delamarche und Robinson aufgenommen, die hoffen im Westen Arbeit zu finden. Karl begleitet sie auf ihrem Marsch, verlässt sie allerdings, als er in einem Hotel Arbeit als Liftjunge bekommt und in der Oberköchin dort eine Verbündete und Freundin findet. Eines Tages taucht jedoch Robinson auf, betrunken und in schlechtem Zustand. Nach diesem Skandal, wird Karl schließlich entlassen und begleitet Robinson zu einer Wohnung, wo auch Delamarche zusammen mit der übergewichtigen, hysterischen und grässlichen Frau Brunelda, deren Liebhaber er ist, wohnt. Karl wird widerwillig Diener der ekelhaften Frau und reißt schließlich aus, um sich einem Wandertheater anzuschließen. Im letzten Kapitel fahren er und ein Freund als Angestellte des in Richtung eines unbekannten Ziels.

Amerika ist der erste Roman Franz Kafkas und auch sein labilster. Neben dem fast schon naiven Ausdruck der Sprache und der Detailgetreue der Schilderung, auch Ansätze und Motive wieder die an ‘Den Prozeß’ oder ‘Das Schloss’ erinnern. An erster Stelle steht die Hoffnung, mit der Kafka in seinen Roman immer wieder bewusst spielt, in dem er sie zuerst aufzeigt und dann meist ohne Gnade zunichte macht. Egal wie sehr Karl Rossmann auch versucht Fuß zu fassen, egal wie Positiv es sich für ihn wendet und egal wie klar er selbst beteuert einfach nur arbeiten zu wollen, immer gibt es Missverständnisse oder eine unglückliche Verknüpfung von Geschehnissen und Aussagen und der arme Karl muss von vorne beginnen. Wie schon im ‘Schloss’ erscheinen die Ereignisse und Menschen gleichsam von einem brutalen Aufklärungswillen getrieben und sind doch in unübersichtliche Grenzen gebunden. Wie im Prozeß ringt man mit dem ständigen Pech und der Willkür der Umstände und will Kafka um Nachsicht mit seinen Helden bitten – dennoch ist es gerade die fehlende Nachsicht, die diesen phantastischen Roman letztlich perfekt zu einem Sinnbild werden lässt.

Auch an den Frauen lässt Kafka nur einige gute Haare, angefangen beim Dienstmädchen, über Klara, die Tochter des Freundes seines Onkels, bis zu Brunelda, obwohl in diesem Roman wenigstens einige ‘gute’ Frauen vorkommen (eine Köchin und eine Magd im Hotel).
Ein weiteres Motiv, ist die enorm unterschwellige, fast schon negierte Kritik und der schwer erkennbare, geradezu sich selbst abhanden kommende Humor die Kafkas Welten nicht wirklich ausmachen, aber immer wieder eine Ahnung von der Präsenz des Lächerlichen geben. Die Kritik, wenn man sie denn überhaupt so auffassen kann, ist auch nur aufzeigend, nicht anzeigend; sie etwas unausweichliches und doch ist sie flüchtig.

Was aber wohl bei allem auch sehr faszinierend ist, sind die Personen die Kafka erdenkt. Sie scheinen normal, manchmal auch klischeehaft und doch sind sie wahrlich einzigartig in der Literaturwelt. Es liegt wohl an ihrer, leicht überzogenen, Machart – sie wirken wie aus Steinen gehauen, in die sie exakt passen, und über die sie nicht mehr hinauswachsen können – alle von Kafkas Charakeren bleiben immanent wer sie sind. Die Faszination so unwandelbaren Figuren dabei zuzusehen, wie sie sich offenbaren und der Wandlung einer Geschichte unterworfen werden, dies macht eine Kafkalektüre weiterhin einzigartig. dass diese Figuren einen Faszinieren, sogar wenn man es nicht merkt.

Man kann gewiss noch viele Loblieder auf diesen Roman dichten, aber ein letztes sollte man noch singen, nämlich eins, auf die einzelnen Sätze Kafkas, die es steht’s alle schaffen bedeutungsvielschichtig und einprägend zu sein.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s