Ein stiller Dichter der Seelsorge : R.S. Thomas

“Sie sind weiße Nachtfalter
die Flügel
aufgeschlagen
über dunklem Wasser
als wollten sie fliegen,
doch aufgehalten
von ihren zarten Bildern
in seinen Mahagoni-Tiefen.”
-Aus dem Gedicht “Alpenveilchen”-

Der Titel dieser Werkauswahl von Gedichten des walisischen Dichters und anglikanischen Priesters R.S. Thomas – dessen Werk sich der Babel-Lyrik Verlag mit besonderem Aufwand angenommen hat (noch vier Gedichtbände sind dort bereits erschienen) – könnte nicht verfänglicher sein. Denn man könnte nun surreale, aber auch barocke, oder gar epische Psalmen\Gesänge\Insignien\ erwarten, doch nicht diese eher kurz gehaltene, sehr einfach inspirierte und doch tiefe Gedankenlyrik, die einem dann auf den wenigen Seiten entgegentritt. Nur ein einziges Gedicht ist (bei großem Druck) länger als eine Seite; meist sind es nur 8 oder 12 Zeilen. Zeilen in denen es auf sehr engem Raum um die Schönheit und das Sein geht und um ihrer beider Heimsuchungen.

“Ich sitze in der Vermittlung
der Fernmeldeämter der Menschen
aller Zeiten und empfange ihre Botschaften,
ob ich will oder nicht. Liebst
du mich?, schreien die Stimmen.
Und es gibt keine Antwort; es gibt
nur die Verträge und Machtübernahmen
und die Vision von verschränkten
Händen über dem unruhigen Blut.”

Fragen spielen eine zentrale Rolle in dieser kurzen Lyrik, existenzielle Fragen und doch auch die, die sich jeder stellt. Außerdem ständig anwesend: die Beschaffenheit des geistlichen Lebens und des Glaubens – Dinge bei denen Thomas wenig zu sagen hat, die er aber auf so schlichte und nachempfundene Weise schildert, dass sie kaum mehr etwas sakrales haben, sondern etwas ausgesprochen menschliches.

Insgesamt ist hier eine sehr gute Auswahl enthalten. Und manches Gedicht, ist, außerhalb von Form und Farbton, einfach anrührend aus dem Leben gegriffen. So jener 8zeiler, in dem ein alter Mann sich fragt, ob er mit einem jungen Mädchen tanzen soll und darf. Oder eine sehr entschiedene und menschliche Anteilnahme an dem Schicksal Gottes.

Es ist es die Kunst des Dichters, immer die richtigen Fragen zu stellen (wenn auch nur ganz still für sich allein) um dann Verse an die Antworten zu legen. Thomas nun stellt hauptsächlich die Fragen, auf das wir die Antworten selber finden. Und warnt uns gleichzeitig vor dem Verhängnis, dass eine zu einseitige Antwort hervorrufen kann. So bleibt seine Lyrik in der Schwebe, so wird sie zum Gruß an das Lyrische, das jeder Situation innewohnt und doch nur ein Spiel ist mit der Wirklichkeit, die sich nicht hinter, sondern vor der Welt befindet.

“Wohin sich wenden, ohne zu Stein
zu werden? Von der einen Seite
starrt die Medusa der Geschichte,
von der anderen die Liebe

an ihrem Kreuz. Während das Herz
sich füllt nicht mit dem Licht
aus dem Kopf, sondern mit den Schatten,
den zu viel solchen Lichts wirft.”

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